24.3.2010

Gesprächskultur 2.0

…heißt die Studienreihe, die “Bild der Frau” nun schon zum zweiten Mal auf der Basis einer Erhebung des Allensbach-Institutes veröffentlicht hat. Moderatorin Amelie Fried zeigte sich beim Pressegespräch vor allem über diese Grafik entsetzt:

07_Jugend_keine_Praeferenz

60 Prozent der 14- bis 17-Jährigen sind persönliche Gespräche demnach NICHT lieber als Mail oder SMS. Schlimm?

Klar eignet sich nichts mehr als Steilvorlage für neue Wasserstandsmeldungen zum Untergang des Abendlandes. Dieses Detail werden wir in den nächsten Monaten als Beiwerk vieler kulturpessimistischer Reden erleben. Allensbach-Geschäftsführerin Prof. Renate Köcher verwies heute bei der Präsentation auf zahlreiche andere Ergebnisse der umfassenden Studie, die dieses Ergebnis relativieren würden. Die besagen, dass auch Digital Natives auf das persönliche Gespräch setzen, sobald es in die Tiefe gehen soll. Dass Facebook-Friends keine “echten” Freunde seien.

Das ist lieb gemeint und unterstreicht nur noch deutlicher, wie wir versucht sind, eine alte Kommunikationsmatrix auf neue Infostrukturen zu stülpen, milde lächelnd und “jaja, die jungen Leute” murmelnd. Wir sollten allmählich begreifen, was mit “soziale Identität” gemeint ist, wie sehr Online- und Offline-Welt ineinander übergehen.

Die Tatsache, dass Kommunikation kürzer und schneller wird, muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie deshalb weniger echt und weniger emotional ist. (Abgesehen davon: Ist es nicht lustig, dass ausgerechnet sozialen (!) Netzen vorgeworfen wird, Nähe zu zerstören?)

Das fast schon angestaubte Cluetrain-Manifest stellt gleich zu Anfang seiner 95 Thesen fest:

Gespräche zwischen Menschen klingen menschlich. Sie werden mit einer menschlichen Stimme geführt.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Denn wenig später heißt es auch:

Das Internet ermöglicht Gespräche unter Menschen, die in den Zeiten der Massenmedien einfach nicht möglich waren.

Wir erleben derzeit den fundamentalsten gesellschaftlichen Wandel seit der Industrialisierung. 14- bis 17-Jährige kommunizieren anders. Vielleicht relativiert sich das, wenn sie älter werden. Vielleicht bleibt es aber auch so. Dann müssen wir unsere eigenen Kommunikationsstrukturen anpassen und vor allem unsere (Medien-)Geschäftsmodelle überdenken.

Autor: amayer Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
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