Gesucht: Jungs mit Kohleschaufeln
Welche Fähigkeiten benötigen Zeitungsverlage, um in der digitalen Welt erfolgreich zu sein? Verlage benötigen herausragende Journalisten – daran wird sich nichts ändern. Doch das reicht nicht aus. Journalismusgetriebene Medienhäuser müssen auch ihre technischen Skills grundlegend erweitern. Ein Plädoyer für die Jungs mit der Kohleschaufel – und für integrierte Teams.

Guter Journalismus heißt Teamwork.
In diesem Fall: Team 4 im Newsroom der Akademie (Foto: Ayla Mayer)
Journalisten und Technologie – das verhält sich heute ein bisschen wie Fahrradfahrer und Fahrradketten. Jedem Fahrradfahrer ist klar, dass Fahrradketten wichtig sind. Aber Montage und Reparatur – das macht den wenigsten Spaß.
Müssen Journalisten deshalb programmieren können (siehe Mercedes Bunz im Guardian)? Ich denke, nein! Journalisten müssen sich auch in Zukunft auf das konzentrieren, was sie am besten können: auf die Recherche exklusiver News, auf wortgewaltige Kommentare und auf spannende Geschichten.
Trotzdem werden viele Journalisten ihr technisches Skillset erweitern müssen. Denn die Zahl der digitalen Produkte, die Medienhäuser anbieten, wird in den kommenden Jahren skalieren. Die effiziente Produktion von Webseiten, Smartphone-Apps oder elektronischen Magazinen für Tablets erfordert ein tiefes Verständnis von Datenbanken, von SEO und Webanalyse. Dementsprechend steigt in den Verlagen der Bedarf an technischem (Entwickler-)Know-how. Aber auch an Teams, die ganz unterschiedliche Fähigkeiten zusammenbringen.
Christian Hasselbring, der Geschäftsführer von stern.de, vertritt die Auffassung: “Eine marktgerechte Produktentwicklung kann nur in integriert denkenden und arbeitenden Teams erfolgreich sein. Die Verschränkung aus inhaltlichem Konzept, technischer Plattform und diversen Monetarisierungs-Modellen erzwingt eine agile und übergreifende Entwicklung und erfordert eine permanente Innovation.”
Es ist deshalb nicht nur bedeutsam, dass das Verständnis für Technik in den Redaktionen geschärft wird – im Vermarktungsapparat ist dies mindestens genauso wichtig. Denn erfolgreiche Online-Geschäftsmodelle sind immer technologiegetrieben. Um aber Geschäftsmodelle zu entwickeln, die Online-Journalismus refinanzieren können, müssen sich Coder, Journalisten, Vermarkter, Webanalysten und Suchmaschinenoptimierer austauschen und befruchten. Wie das funktioniert, hat die von vielen verteufelte Content-Fabrik Demand Media demonstriert – und ein hochprofitables Geschäftsmodell gefunden. Warum ist das keinem Zeitungsverlag eingefallen?
Im Internet der Zukunft geht es um strukturierte Daten, um semantische Dienste und um das soziale Web. Sebastien Provencher, Gründer des kanadischen Startups Praized Media (Montreal), folgert daraus: “If you want to build value in the future, you need to make sure you’re able to extract the social interaction data and analyze trends. That’s what Facebook is doing.” Und Hal Varian, Chefökonom von Google, sagt voraus: “I keep saying the sexy job in the next ten years will be statisticians.” Eine knappe Ressource werde, so Varian, darin bestehen, Daten zu verstehen und aus diesem Verständnis systematisch Wert zu schöpfen. Wie viele Verlage können dies heute schon oder beschäftigen sich mit diesem Thema?
Bei einem VDZ-Kongress in Hamburg fand vor einigen Wochen eine spannende Podiumsdiskussion statt, bei der Stephan Scherzer, Executive Vice President von IDG Prosumer, berichtete, wie aus seinem Verlag in den vergangenen Jahren eine Web-Company wurde. Christian Hasselbring forderte auf dem gleichen Podium, mehr Wertschätzung und Respekt für die Techniker in den Verlagen: “Dass das einfach nur die Jungs mit der Kohleschaufel sind, die dafür sorgen, dass der Laden läuft – das stimmt so nicht.” Vielmehr brauchen Verlage noch mehr technisches Know-how, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Hasselbring: “Die Netzwerkeffekte des Internets basieren auf Technologie und treiben permanent Innovationen, die tradierte Wertschöpfungsketten der Verlage ersetzen. Um hier weiter eine Rolle zu spielen, müssen Verlage die Technologie zumindest verstehen und sich optimalerweise aneignen.”
Markus Hofmann
(Projektleiter des preisgekrönten Freiburger Onlineportals fudder.de)
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 2 Kommentare »
Tags: Geschäftsmodell, Guardian, Innovationen, Markus Hofmann, Newsroom, Stern, Team 4
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Am 19. Mai 2010 um 10:33 Uhr
Verständnis ja, Können nein.
Natürlich war früher der Journalist auch gleichzeitig der Drucker. Doch er war es irgendwann nicht mehr, weil er sich (wie du es auch forderst) auf Inhalte und deren hochwertige Umsetzung konzentrieren musste. Ich denke, die Arbeitsteilung ist ein nicht ganz unwichtiges Element des kapitalistischen, wertfördernden Prinzip: Hätten die Jungs an den Bändern Henry Fords jeweils ein Auto alleine zusammengeschraubt, könnten wir uns noch immer keines leisten.
Sicherlich muss ein Journalist das Arbeitsgerät Computer und das Rechercheinstrument Internet mit all seinen Facetten beherrschen.
Doch: Irgendwas bleibt halt immer was auf der Strecke – je mehr Kompetenzen gefordert werden. Ich denke auch, dass wir uns in einer Experimentierphase neuer Geschäftsmodelle befinden, deren Ausblühungen Facebook und Twitter heißen (und eigentlich auch schon wieder am verblühen sind, ohne der Medienbranche nennenswerte Früchte gebracht zu haben). Gefordert sind da vielmehr GENAUSO die Geschäftsstrategen der Verlage, sich mit neuen Erscheinungen zu beschäftigen, Abschöpfungsmöglichkeiten zu erahnen und entwickeln. Und nicht nur der neuesten Sau nachzulaufen, die durchs Dorf getrieben wird.
Am 20. Mai 2010 um 07:03 Uhr
Verständnis ja, Können nein.Natürlich war früher der Journalist auch gleichzeitig der Drucker. Doch er war es irgendwann nicht mehr, weil er sich (wie du es auch forderst) auf Inhalte und deren hochwertige Umsetzung konzentrieren musste. Ich denke, die Arbeitsteilung ist ein nicht ganz unwichtiges Element des kapitalistischen, wertfördernden Prinzip: Hätten die Jungs an den Bändern Henry Fords jeweils ein Auto alleine zusammengeschraubt, könnten wir uns noch immer keines leisten.Sicherlich muss ein Journalist das Arbeitsgerät Computer und das Rechercheinstrument Internet mit all seinen Facetten beherrschen.Doch: Irgendwas bleibt halt immer was auf der Strecke – je mehr Kompetenzen gefordert werden. Ich denke auch, dass wir uns in einer Experimentierphase neuer Geschäftsmodelle befinden, deren Ausblühungen Facebook und Twitter heißen (und eigentlich auch schon wieder am verblühen sind, ohne der Medienbranche nennenswerte Früchte gebracht zu haben). Gefordert sind da vielmehr GENAUSO die Geschäftsstrategen der Verlage, sich mit neuen Erscheinungen zu beschäftigen, Abschöpfungsmöglichkeiten zu erahnen und entwickeln. Und nicht nur der neuesten Sau nachzulaufen, die durchs Dorf getrieben wird.
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