21.6.2010

Beziehungen, Netzwerke, Jarvis

Klar macht man sich so seine Gedanken. Ist ja schließlich nicht irgendjemand, sondern ER, der Internet-Guru. Derjenige, der das Netz ganz neu interpretiert hat. Ein Wanderprediger der neuen Welt. Jeff Jarvis ist eine Ikone des Internets.

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Das Bild täuscht: Jeff Jarvis doziert ungern, er plaudert und fragt.

Und dann kam er um die Ecke, in den Newsroom. Grauer Fünftage-Bart, schwarze Jeans, ein weißes Hemd, das aussah, als habe er es extra für diesen Tag von einem Freund geliehen. Ein dummer Gedanke eigentlich, denn er war der, für den sich schick gemacht wurde.

Jarvis ist der Papst und wir die Schäfchen. Sein Nadelstreifen-Business-Sako sitzt zu weit, seine Hose zu eng. Er ist ein Nerd geblieben; einer, von dem man sofort denkt, dass er schon am Amiga die Spiele umprogrammieren wollte – vielleicht macht ja das seinen Charme. Vielleicht auch das Amerikanische, das Gelassene. Diese everything’s possible-Einstellung.

“I love this.”

Jarvis liebt viel und man glaubt es ihm sogar. Er hat Reden gelernt. Hat Lehren gelernt. Immer wirkt es wie ein Spiel und er spielt ganz vorne mit. Digital. Immer in den Top-Scores. Er macht kurze Notizen während der Präsentation. In einem Moleskine notebook. Natürlich. Die alte Welt. Jarvis, der Hemmingway des Social Web? Seine Handschrift ist krakelig, seine Augen schnell. Er nickt stumm vor sich hin. Wenn er nicht nickt, schreibt er Notizen in sein Buch:

Source
Value
Reader
Relationship
Revenue

Ja genau! Letztlich geht’s um Kohle. Neue Quellen, neue Formate, neue Ideen. I love this!

“Aber wie wollen Sie das finanzieren?”

Jarvis das Orakel des Internets. Jarvis der Geschäftsmann.

Seine Präsentation schlägt Purzelbäume und Loopings. Wirft sich auf die Seite und dreht sich im Kreis. Prezi heißt das Tool. Auch eine Erfindung der Generation 2.0. Jarvis ist 56 Jahre alt. Eigentlich 1.0, aber er ist einer, der den Wandel mitgemacht, nein, geprägt hat.

Jarvis kommt nicht mit Antworten. Eigentlich hat er nur Fragen. Vielleicht kennt er die Antworten, aber er gibt sie nicht. Er lässt die Fragen im Raum stehen.

- Bekommt man die Antworten im Social Web wirklich in Echtzeit?
- Wenn Journalismus nicht vollständig ist? Wird er vollständig, wenn man das Social Web dazu nimmt?
- Wem kann ich trauen?
- Wer besitzt Information? Kann man eine Neuigkeit besitzten?
- Woher weiß ich, von wem eine Information kommt?
- Wer steckt hinter den anonymen Quellen?
- Wie kriege ich einen normalen Menschen dazu, für mich zu recherchieren, wenn ich ihn nicht dafür bezahle?

Mit dem Fragen in der Öffentlichkeit wurde er bekannt. Was würde Google tun? Geld verdient er mit den Antworten, hinter verschlossenen Türen.

Die Fensterrollos versperren der Sonne den Weg. Es ist dämmrig im Raum. Vorne wirft der Beamer die Erleuchtungen an die Wand. Jarvis spricht jetzt über das, was gestandenen Redakteuren Angst macht. Weil es ihre Hoheit ankratzt, auch wenn einer wie Jarvis das verneint.

Er hat Medienunternehmen auf der ganzen Welt beraten. Hat viele von ihnen zu digitalen Vorreitern gemacht. Den Guardian in England. Die New York Times in…

Jarvis hat dem Journalismus geholfen, er ist nicht sein Vollstrecker.

Seine wichtigste Frage ist die nach der Beziehung. Eigentlich ist es ihm egal, ob Informationen von einer Agentur oder den Bürgern – der Gemeinschaft – kommen. Was ihn daran zu bewegen scheint, ist die Beziehung. Zwischen Medien und Menschen. Die Nähe. Das Unmittelbare. Die Direktheit.

“Es ist eine neue Form von sozialer Kompetenz”, sagt er.

Oder: “Die Spezialisierung des Journalismus ist die Kooperation.”

“Mach, was du am Besten kannst und verlinke zum Rest!”

Verlinken. Im Englischen funktioniert das Wortspiel: ink vs. link! Tinte gegen Verknüpfung. Es geht ums Netzwerk. Miteinander in Kontakt sein. Denn wenn man miteinander in Kontakt steht, dann muss man die Information nicht mehr suchen – wenn eine Information wirklich wichtig ist, wird sie uns finden.

Mal wird er prophetisch: “Sie sind die Botschafter dieser neuen Welt.” Dann wieder praktisch: “Hören Sie denjenigen, die zweifeln genau zu! Hören Sie sich ihre Argumente an, um sie vom Gegenteil begeistern zu können.”

Jarvis träumt von einer großen Nachrichtengemeinschaft. Vom Nebeneinander der Laien und der Profis. Vom Nebeneinander der Informationen. Vom Nebeneinander der Produzenten.

Beziehung ist sein großes Wort. Und Netzwerk.

Jarvis will die Demokratie der Information.

Der New Yorker habe ihm einmal von seinem Asien Korrespondenten erzählt. “Seinem Asienkorrespondenten?” Einer für ganz Asien? 44.579.000 Quadratkilometer. Jarvis will mehrere Leute, aber in der Zentrale, die Geschehnisse und Länder verfolgen. Wenn wirklich etwas Wichtiges passiert, dann könne man immer noch Jemanden hinschicken. Aber die Lösung davor ist ein Netzwerk der Information. Man müsse nur genau abklären, wer sich darin befindet. Der Anfang einer jeden Beziehung ist Vertrauen.

Denn wenn Vertrauen da ist, dann wird Information auch wertvoll. Auch für den Leser.

Wertvoll! Ein Wert! Value. Dann kann Information auch wieder Erlös einbringen. Revenue.

Fabian Gartmann

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch | Keine Kommentare »
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