Nieder mit dem Schachtelsatz
Mark Twain war so enerviert, dass er seinem Frust ebenfalls in einem Schachtelsatz Bahn brach:
Deutsche Bücher sind ziemlich leicht zu lesen, wenn man sie vor den Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt – um den Aufbau umzukehren -, aber ich glaube, eine deutsche Zeitung lesen und verstehen zu lernen ist eine Sache, die einem Ausländer stets unmöglich bleiben muss.
Heute liefert FAZ-Mitherausgeber Günther Nonnenmacher im Leitartikel einen Beleg dafür:
Fachleute nennen die Erwartung, dass ausländische Truppen vom Jahr 2011 an die Sicherheit größerer Teile des Landes in afghanische Hände übergeben und mit dem Abzug beginnen könnten, eine Illusion.
Der Leser wähnt sich eine lange Wegstrecke auf der richtigen Spur, ehe er am Ziel die letzte Abzweigung erkennt, die im Ringschluss auf “die Erwartung” Bezug nimmt. Das ist in etwa so präzise wie die Pässe der DFB-Auwahl gegen Ghana. Und man fragt sich: Warum?
Warum verbergen – vorzugsweise in der FAZ – hochkompetente Redakteure ihr Wissen hinter einem Vatermörder aus Parenthesen? Der Inhalt sollte anspruchsvoll sein, nicht dessen Dechiffrierung.
Und jetzt kommt der Satz zum Händereiben: Die Hohepriester des Print könnten viel von den Online-Kollegen lernen.
Dort müssen die Sätze mit weit mehr Aufwand konstruiert werden, ein gelungener Teaser ist die Vollendung von Wort-Service im Sinne des Kunden. Manche Dozenten behaupten inzwischen, die Kürze von Tweets und Facebook-Postings sei die beste Schule für gutes Schreiben.
Man muss deshalb nicht so rabiat werden wie Johannes Kuhn, der heute gleich einen neuen Journalismus einfordert:
Bei allem gebotenen Respekt: Wer lieber offline als online arbeiten möchte, soll dies bitteschön tun, am besten heute noch. Auch dort gibt es Qualitäten, die gebraucht werden. Wir haben jedoch im Online-Bereich schon genug Zeit verloren, um im Jahr 2010 noch zu glauben, Internetjournalismus im Vorbeigehen und mit den alten Rezepten machen zu können.
Aber ein bisschen mehr Dienst am Leser täte gut. Und auch das hat mit der Wieder-Entdeckung von Demut zu tun.
Autor: amayer Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »
Tags: Agenda-Searching, Facebook, Springer
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Am 25. Juni 2010 um 14:30 Uhr
Liebe Kollegen,
eventuell hätte ich der kühnen These mehr Glauben geschenkt, wenn der Eingangssatz mit dem bombastischen “enerviert” nicht selbst ein wenig fragwürdig wäre. Kann man enervieren denn überhaupt adverbiell benutzen? Und zum FAZ-Beispiel: Stellt einfach das “eine Illusion” vor das erste Komma, schon ist das Problem gelöst.
Vor allem: Wollen wir nicht langsam mal die Print/Online-Gräben zuschütten? Letztlich haben wir doch alle den gleichen Beruf und beliefern damit lediglich unterschiedliche Vertriebskanäle. Oder meint Ihr, dass die Bierbrauer bei Holsten so ein großes Thema aus Frage machen, wer von ihnen jetzt Dosen- und wer Flaschenbier herstellt?
Viele Grüße
Alex
Am 25. Juni 2010 um 15:43 Uhr
@ Alex:
Danke für das “bombastisch”, so soll es sein! Ob man “enervieren” adverbiell benutzen kann, sei dahin gestellt. Ich habe es adjektiviert, ganz im Sinne Mark Twains, der empfahl, dass die deutsche Sprache “gestutzt und ausgebessert” werden müsse.
Was Print/Online betrifft: sorry für die Verwirrung, die aber im Kontext aufgelöst wird: Crossmedia ist einer unserer zentralen Ausbildungsinhalte. Es versteht sich von selbst, dass bei uns keine Gräben mehr geschaufelt werden. Text-Taktik: Provokation als Initiation.
Ps: Noch eine Konvergenz: Holsten schmeckt weder aus der Dose noch aus der Flasche.
Am 28. Juni 2010 um 11:36 Uhr
Jepp! Weg mit dem ganzen Stil, all der Freude an der Sprache, dem Entdecken, Offenlegen von Strukturen, eigenständiger gedanklicher Rekonstruktion, weg damit und her Dreiwortsätzen und Tommy Jaud… Glückwunsch!
Am 30. Juni 2010 um 10:56 Uhr
Ich bin überrascht, was für Probleme manche Journalisten-Kollegen habe. Gut, der (Schachtel-)
Satz in nicht gerade elegant formuliert. Aber insgesamt ist die FAZ (noch mehr die FAS-Sonntagszeitung) eine hervorragende Zeitung, an deren Verständlichkeit sich mancher (viele) eine Scheibe abschneiden könnten. Ist hier etwa NEID im Spiel? Weil ob eigener Unverständlichkeit die Leser abspringen ? Gruss Jupp