Papier verändert alles! Papier bedrucken noch viel mehr!
Papier hat es möglich gemacht, das Wissen des Menschen zu dokumentieren. Der Buchdruck hat es vervielfältigt, hat es für den Bürger zugänglich gemacht. Die Zeitung hat die Nachrichten zu den Menschen gebracht. Die täglichen Informationen. Papier wird sterben, sagen Medienexperten. Und die Blogger.
Bedrucktes Papier wird sterben sagen auch die Journalisten. Deshalb wollen jetzt alle ins Netz.
Journalisten wollen nicht mehr aufklären, sagen die Blogger.
Blogger sind keine Journalisten, sagen die Journalisten. Heißt das im Umkehrschluss, dass Blogger aufklären wollen?
Journalisten haben sich gedacht, dann lass doch Blogger Papier bedrucken.
Axel Springer Hochhaus, 6. Stockwerk, Blogger auf orangenen Sesseln. Journalisten sitzen auf den Fensterbänken. Die Welt Kompakt macht eine Scroll Edition – scrollen, dieses mit dem Rad auf der Maus über eine Internetseite nach unten fahren – Papier soll den Monitor imitieren. Blogger ihre Inhalte von Pixeln in Druckerschwärze verwandeln.
Deutschlands digitale Elite sieht aus, wie ein Querschnitt durch die deutsche Haarmode. Von Vollbart bis Gelfrisur ist alles vertreten – nur die Glatze nicht.
Deutschlands digitale Elite sieht auch aus, wie ein Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung. Manche, als würden sie normalerweise an Förderbändern oder auf der Baustelle stehen, manche, als wären sie Regierungsvertreter. Das ganze Spektrum des Internets, nicht in Bits und Bytes, sondern in Atomen und Molekülen.
Vorne steht ein Mann, transparentes Brillengestell, graue gegelte Haare. Ein Journalist, ein Blattmacher, einer der Buchstaben auf Papier druckt. Frank Schmiechen leitet das Projekt. Ein Blogger fragt: “Damals, als ich noch Zeitung gemacht habe, hat man Themen vorgeschlagen und einer hat bestimmt, das kommt rein und das nicht. Ist das Heute auch so?”
Es sollte ein Tag werden, an dem die Blogger den Druck auf dem Papier bestimmen. Ihre Kreativität, ihre Gedanken, ihre Ideen. Schwarz auf Weiß.
“Ja, ich”, scherzt Schmiechen. Kein Aufstand, keine Kommentarfunktion, kein Flashmob. Deutschlands Blogger sind unaufgeregt hörig, wenn sie keine Nicknames mehr haben.
Man spricht über Nachrichtenlängen. 140 Zeichen. Super. Twitterlänge. Hashtag. Keyword. 140 Zeichen für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan? 140 Zeichen für die Wahl des Bundespräsidenten? 140 Zeichen für das Verhältnis zwischen China und Europa?
Der längste Text an diesem Tag, ist länger als eine Reportage auf einer Doppelseite an normalen Produktionstagen. Das Netz fasst sich kurz?
140 sind eine Überschrift, mehr nicht. Und das von Menschen, die im Internet die Bildschirme zuschreiben, mit Kommentaren, Meinungen, Selbstdarstellungen, die fast nie 140 Zeichen lang sind. Auf Twitter schaffen das die Meisten nur, weil sie auf eine längere Version verlinken.
Doch Papier hat keinen Link. Was nicht gedruckt ist, kann der Leser nicht lesen. Logisch, oder?
Die Blogger diskutieren über die Form der Inhalte. Jeder soll einen Kommentar schreiben. Zum Bundespräsidenten. Gut! Wie sammeln wir das? Es gibt Programme im Internet, die machen ein Dokument für alle zugänglich, dann kann jeder reinschreiben. Gute Idee, aber brauchen dann nicht alle den Zugang? Ja, stimmt. Hm, wie wäre es, wenn wir einfach einen Computer dafür nehmen und jeder setzt sich im Laufe des Nachmittags daran und schreibt seinen Kommentar. Alle an einem Gerät. Alle nicken, nur ein Blogger sagt: “Warum machen wir es nicht gleich auf Papier?”
Themendiskussionen. Erstickend lange. 19 Uhr ist Deadline. Tausend Vorschläge. Noch sechs Stunden. Irgendwann sagt jemand, wir sollten vielleicht auch eine Kommentarfunktion haben, dass jeder was unter die Artikel der anderen schreiben kann, so wie im Netz. Da sei das Kommentieren das Wichtigste! “Das Internet ist eine Kampfzone.” Eine Bloggerin schreit dagegen: “Das ist doch doof. In der Zeitung zu kritisieren. Das können wir machen, wenn wir wieder zu Hause an unseren Rechnern sitzen, aber doch nicht hier.” Kurze Pause, dann das Retour: “Das hört sich ja so an, als könnten Blogger nur Kritik ertragen, wenn sie sich nicht gegenseitig in die Augen schauen.”
Das Netz in die Zeitung holen. Die freie Meinung. Grundgesetz Artikel 5. Das Wesen des Bloggens. Die Welt der Kritik, der kleinen Details, des Aufklärens. Axel Springer Hochhaus, 6. Stockwerk. Hier stirbt die Netzdemokratie. Und alles nur wegen des Papiers? Wovor haben die Blogger Angst?
Eine Bloggerin, Klatsch und Tratsch, Promis und solche die es gerne wären, Mode und Schick, sagt: “Ich habe schon anders geschrieben, jetzt wo es gedrukt wird. Ich habe beispielsweise Mist statt Scheiße geschrieben. Im Netzt ist Scheiße normal, aber ich finde, das gehört sich nicht in der Zeitung!”
Blogger werfen Journalisten oft vor, sie würden sich selbst zensieren.
Journalisten werfen Bloggern oft vor, sie würden nur ihren eigenen Senf verschmieren.
Um 20.30 Uhr geht eine Zeitung in Druck, in der nur Blogger geschrieben haben. Um 20.30 Uhr geht eine Zeitung in Druck, die den selbsen Zwängen unterlegen hat, wie jede Zeitung an jedem Tag. Um 20.30 Uhr geht eine Zeitung in Druck, die nicht eine Redaktion, nicht ein Verlag, nicht die Anzeigenabteilung zensiert oder limitiert hat!
Sondern die Blogger selbst!
Das einzige was der Verlag, was die Journalisten, was die Anzeigenabteilung an diesem Tag gemacht haben: die Zeitung gekippt – Querformat statt Hochformat. Wie ein Bildschirm. Und dann scrollen. Die Blogger sollten sie auf den Kopf stellen. Sollten.
Inhalte sind keine Frage von Verschwörungen. Inhalte sind keine Frage von Verlagsinteressen. Inhalte sind eine Frage derer, die sie erstellen. Blogger nehmen das immer für sich in Anspruch – im Netz.
Vielleicht ist es ja wahr: Papier verändert alles. Papier bedrucken noch viel mehr.
Fabian Gartmann
Autor: student Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
Tags: Blogger, Frank Schmiechen, Kommentar, Kreativität, Tags, Welt Kompakt
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