23.7.2010

Seid empört, Journalisten!

Manchmal braucht ein Gedanke eben länger. Diesmal ist das so.

Manchmal braucht ein Gedanke ein ganzes Leben. Bei Sir Peter Ustinov war das auch so.

Manchmal bekommt man einen Gedanken nicht zu Ende.

empoerung

Hamburg Lokstedt. 22527. Hugh-Greene-Weg 1. Das NDR Konferenzzentrum ersäuft in der Hitze. 9. Juli. 38 Grad. Eine viskosen Luft, durch die ich mich mit 700 anderen Journalisten den ganzen Tag durchschaufel. Zug um Zug – wie im Schwimmunterricht.

Netzwerk Recherche. Zehn Regeln. Zehn Gebote. Für einen besseren Journalismus. Auch wenn sie das nie so sagen würden. Dann eben für einen anderen.

Jedes Jahr treffen sie sich hier. Jedes Jahr ein langes Programm. 9.30 Uhr bis 20.30 Uhr. Im Stundentakt andere Seminare. Immer fünf parallel.

Meine Uhr sagt 11.42 Uhr. Auf dem Weg nach Hamburg. Zug. ICE 1106. Abfahrt Berlin Hauptbahnhof 8.23 Uhr. Tief, Gleis 7. Der Zug steht im Grünen. Felder rechts, Felder links. Baumreihen rechts, Baumreihen links. Keine roten Giebel. Personenschaden – seit eineinhalb Stunden. Die Klimaanlage geht.

Jetzt spricht Susanne Koelbl. Konferenzraum K6. Auslandsredakteurin vom SPIEGEL. Spezialgebiet Afghanistan. Es ist 11.57 Uhr. Hamburg ist noch eine gute Stunde voraus.

Meine Uhr sagt 12.56 Uhr. ICE 1106. Abfahrt Berlin Hauptbahnhof 8.23 Uhr. Tief, Gleis 7. Ankunft Hamburg Hauptbahnhof 11.55 Uhr. Gleis 9. Endlich da.

Ich bekomme mein Namensschild. Fabian Gartmann. Axel-Springer-Akademie. Es ist 13.37 Uhr. Mittagspause. Gleich spricht Cord Schnibben.

Schweiß, Witz, Biss. Die Bild-Zeitung ist hier immer ein Thema. Verflucht und gefürchtet.

Diskussion zwischen Claudius Seidl, Bernd Ulrich, Stephan Lebert, Michael Jürgs und wieder Cord Schnibben. Preisschreiberei, Journalistenpreis-Kritik, Reportage. Mal verteidigt, mal verdammt. Unterhaltsam. Die 80er Jahre auf einem Podium. Streitlustig. Empört.

Ja empört. Das war der Gedanke. Wann sind wir Journalisten eigentlich noch empört. Kindsmissbrauch. Ja. Vergewaltigung. Naja. Mord. Hm.

Vor wenigen Tagen sagte ein Redakteur in einer Redaktionskonferenz: „Das ist zar totaler Nachrichtenzynismus, aber Indien erst ab 500 Toten.“ Ja! Das ist Zynismus!

Empörung. Vielleicht haben die alten Haudegen auf dem Podium uns das voraus. Das sie die Welt nicht akzeptiert haben, wie sie ist, dass sie etwas ändern wollten. Und wenn schon das nicht, dann wenigstens die Schwachstellen, die Lecks aufzeigen.

Es geht nicht darum die Finger in die Wunde zu stecken. Es geht, um bei dem Bild zu bleiben, darum, denjenigen die Wunden zu zeigen, die dafür verantwortlich sind und denjenigen, die sie flicken können. Damit die Verwundeten weniger Schmerzen haben.

Empörung. Vielleicht braucht es einen Satz der an diesem Tag fiel: “Wer empört sein will, braucht eine Meinung, eine Haltung. Wir sollten Friedrichs und sein ‘mache dich nicht gemein’ endlich wieder aus dem Journalismus verbannen. Das kann man nur als Nachrichtensprecher sagen!”

Eine Quelle gibt es nicht. Es gibt Dutzende. Denn die heutigen Vorbilder, die Granden des Journalismus. Leyendecker, Osang, Schnibben und Co. – da sind sie sich einig

Nicht nur wir Journalisten müssen uns wieder echauffieren können – müssen wieder Abscheu und Ekel gegenüber Grausamkeiten; Widerwillen und Scham gegenüber Ungerechtigkeiten empfinden. Auch der Leser, der Zuschauer, der Hörer. Empört euch! Diese Welt ist nicht gleichgültig. Krieg, Unrecht, Lüge. Empört euch. Die Bilder mögen abstumpfen – die Taten dahinter tun dies nie! Sie bleiben scharf.

Carolin Emcke, einstmals Kriegsreporterin des Spiegels, hat eine beeindruckende Rede gehalten. Sie verdammte nicht das Internet, sie verdammte nicht das Sparen der Verlage, sie verdammte nicht die Arbeitsweise der Journalisten. Sie verdammte die Einstellung! Authentizität, Polarität, Weltläufigkeit. Alles gespielt.

Journalismus müsse sich wieder mehr um da draußen kümmern, als um den eigenen Stand. Journalismus müsse wieder den Mut haben, mit gutem Grund zu Misstrauen, um wieder Vertrauen zu gewinnen. Und Journalismus müsse sich vom Schwarz und Weiß verabschieden, dem “echten” Taliban, dem “authentischen” Juden – die Welt sei viel verwobener geworden. Reduzieren? Ja! Klar und eindeutig erklären? Ja! Aber nicht pauschalisieren, sonst unterscheide man sich bald nicht mehr von den Radikalen und Fanatikern.

Empörung. Mut.

Vielleicht bezeichnend, dass der dritte Gedanke von ihm kommt: Günter Wallraff. Bizarr eher.

Genauigkeit. Wer erzählen will, was da draußen ist, darf die Wirklichkeit nicht beugen. Wallraff tut das die ganze Zeit. Das Wesen von Undercover. Wirklichkeit. Wahrheit. Was ist das eigentlich?

Philosophen müssen das klären. Jeder Journalist für sich auch. Damit auch der Leser für sich entscheiden kann, müssen wir genau sein. Präzise. Die Uhr zeigt nicht fünf vor zwölf, sondern 11.54 Uhr. Plausibilität. Präzision. Genauigkeit.

Sie ergeben Vertrauen. Durch den Leser, den, für den wir diesen Beruf eigentlich ausüben.

Empörung. Mut. Genauigkeit.

Ein einfacher Gedanke. Eigentlich nicht die Arbeit einer Woche wert. Und doch ein ganzes Leben.

Peter Ustinov hat vor seinem Tod auf die Frage geantwortet, was auf seinem Grabstein stehen solle: “Betreten des Rasens verboten!”

Viele Denker haben ihre Gedanken nie zu Ende gebracht. Lassen wir sie nicht fallen. Auch das ist Mut, Empörung, Genauigkeit. Kluge Gedanken weiterzuführen. Vielleicht gibt es irgendwann eine Lösung.

Bestenfalls eine Antwort.

Fabian Gartmann

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »
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3 Kommentare zu “Seid empört, Journalisten!”

  1. daniel

    hmmm…musste ich dreimal anfangen, um zu kapieren worum es geht…

  2. nora

    Cordt Schnibben. Dt.

  3. Torben W

    Schon ganz gut der Aufsatz, wer noch etwas schärfere Kritiken lesen will, kommt beim “Unbekannten Kollektiv” mit “Der kommende Aufstand” und bei Pierangelo Masets
    “Geistessterben” eher auf die Kosten.

    Torbi

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