Fragwürdiges Foto?
Das Titelbild der jüngsten Ausgabe von “Time” polarisiert wie lange nicht mehr: Die einen verurteilen es als “Kriegs-Pornographie”, die anderen loben es als “machtvolle Mahnung an das öffentliche Gewissen”.

Frage an Team 8: Kann man dieses Cover machen? Oder darf man es auf keinen Fall.
Hier vier Meinungen dazu.
Dokument der Hilflosigkeit
Auf dem Titelbild der aktuellen „Time“-Ausgabe erahnt der Betrachter den alltäglichen Horror und religiösen Wahnsinn, dem eine Frau ausgesetzt ist, die sich nicht beugen will. Es wird gezeigt, was ist. So weit, so korrekt. Aber die Zeile zum Bild – „Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen“ – ist falsch. Denn was zu sehen ist, ist geschehen, während wir, die westlichen Mächte, in Afghanistan waren. Es müsste also heißen: „Was passiert, während wir in Afghanistan sind“. Unterm Strich bleibt dann ein Dokument der Hilflosigkeit. Denn Bilder wie dieses – man könnte sie jeden Tag zeigen. Nicht nur aus Afghanistan, auch aus Ländern, in denen wir keine Soldaten stationiert haben.
Lars Friedrich
Zeigen, was ist
Afghanistan sieht oft so aus: Soldaten mit Sonnenbrille und Sturmgewehr im staubigen Sand; gepanzerte Jeeps, die sich über Bergpässe schlängeln; afghanische Polizisten mit BKA-Beamten. Aber Afghanistan ist auch das, was das Time Magazine auf seiner Titelseite zeigt: verstümmelte Mädchen, von den Taliban geschändet, gedemütigt. Dieses Bild an dieser Stelle abzudrucken, ist richtig. Denn dieses Bild zeigt, was ist. Es schießt ein Gefühl des Unbehagens in unsere Mägen. Hakt sich fest in unseren Gehirnen. Und führt uns so näher heran an einen Krieg, den wir sonst kaum fassen können. Diese Fotos müssen wir aushalten. Auch die Zeile zum Bild, die wahr ist, müssen wir aushalten. Muss eine demokratische Gesellschaft aushalten, die ihre Soldaten in Auslandseinsätze schickt.
Stephan Beutelsbacher
Die Macht der Bilder
Das Bild zeigt, wie schwer es Frauen in Afghanistan haben. Bis zu diesem Punkt kann ich hinter der Veröffentlichung stehen. Doch neben dem Bild steht „Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen“. Nicht als Frage formuliert, sondern als Kommentar. Das ist gefährlich. Und hier wird die Macht der Kriegsbilder auf erschreckende Weise deutlich. Vor allem wird mir klar, welche Verantwortung ich als Journalistin habe. Die Unterdrückung der Frauen in Afghanistan hat wenig mit der Mission in Afghanistan zu tun. Solche Tragödien passieren auch, wenn wir nicht aus Afghanistan abziehen.
Monika Haugg
Zweck erfüllt
„Time“ ist gelungen, mit einem schockierenden Foto in der amerikanischen Gesellschaft eine Debatte über den Krieg am Hindukusch auszulösen. Wachrütteln, zur Diskussion animieren – genau das ist die Aufgabe von Journalisten. Dass sie dafür oft polarisieren müssen und dann selbst im Sperrfeuer stehen, ist normal. Aischa hat ihren Zweck erfüllt.
Lars Petersen
Autor: mtspahl Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Blattkritik | 4 Kommentare »
Tags: Ethik, Team 8, Time
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Am 9. August 2010 um 14:07 Uhr
Ich stimme Stephan Beutelsbacher voll und ganz zu. Krieg ist, wenn Menschen sterben. Diejenigen, die nicht sterben, behalten Narben zurück.
Dieses Bild ist in angemessenem Stil fotografiert. Man sieht eine junge Frau, die keine Nase mehr hat. Sie weint nicht, sie liegt nicht hilflos am Boden, während jemand die Kamera drauf hält. Sie zeigt sich und sie ist trotzdem hübsch. Das Bild ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man die Grausamkeit des Krieges zeigen kann, ohne voyeuristisch zu sein. Das ist unsere Pflicht. Die Zeile allerdings passt nicht. Sie ist anmaßend und falsch.
Am 10. August 2010 um 09:38 Uhr
Ich sage: Kriegspropaganda, und zwar eine geschickte. Zeigen doch sogar die von Wikileaks enthüllten CIA-Papiere, man solle die öffentliche Meinung durch von Taliban geschändete Frauen pro Afghanistan-Einsatz stimmen.
Nur: der Vorfall geschah im Jahr 2009, acht Jahre nach Beginn des Afghanistan-Einsatzes.
Außerdem: Hinter den Satz “What Happens If We Leave Afghanistan” sollte besser ein Fragezeichen, so ließt sich das ganze Titelbild wie ein Pro-Afghanistan-Kommentar und nicht wie ein Artikel, der die Debatte um den Sinn des Einsatzes neu anfachen soll.
Am 10. August 2010 um 17:34 Uhr
@ Hans vdb: Bitte nicht noch ein Fragezeichen. Fragezeichen sind der Tod des Journalismus. Unser Job sind Aussagesätze.
Btw: Fatalität und Aussichtslosigkeit würden durch einen Fragesatz nur notdürftig kaschiert, dabei ist die Aussage wohl längst klar: Afghanistan ist verloren. In jeder Bedeutung des Satzes.
Am 13. Oktober 2010 um 16:38 Uhr
Ich kann Lars und Stephan nur zustimmen. Afghanistan ist ein Land, das dem Krieg überdrüssig ist. Und nicht nur die Einheimischen sind es, auch der Rest der Welt. 9 Jahre im Einsatz und keine dauerhaften Verbesserungen zeigen ihre Wirkung. Wir haben uns ein bestimmtes Bild von diesem Land gemacht, wir hören schon gar nicht mehr richtig hin. Aber dieses unumstritten qualtitativ hochwertige Foto rüttelt auf – lässt uns hinschauen – wenn auch vielleicht nur für einen kurzen Augenblick. Journalismus muss provozieren dürfen. Und zwar gerade bei solch langwierigen und bekannten Themen.