Seit vielen Jahren unterrichtet Peter Linden an der Axel Springer Akademie. Die Reportage- und Feature-Workshops, die er zusammen mit seinem Kollegen Christian Bleher gibt, gehören bei fast allen Journalistenschülern zu den beliebtesten Seminaren an der ASA. Dieses Jahr feiert Peter Linden sein 30-jähriges Jubiläum als Dozent – ein guter Grund um mit ihm über seine Faszination für Reportagen zu sprechen. 

Was lernen unsere Journalistenschüler in Ihrem Workshop? 

Es muss beim Leser eine Art Kopfkino entstehen. Wir müssen es schaffen, den Leser mit unserer Geschichte sechs bis sieben Minuten lang zu faszinieren, denn so lange dauert die Lektüre einer längeren Reportage. Dazu bedarf es eines starken Protagonisten. Dieser Protagonist sollte im Laufe der Geschichte einen echten Wandel erfahren oder zumindest vor einer größeren Herausforderung stehen. Er darf nicht einfach nur ein Beobachter sein, denn das ist ja schon der Leser, während er die Reportage liest.

Haben sich Reportagen durch die Digitalisierung des Journalismus verändert? 

Klar! Aber Reportagen verändern sich immer, sobald neue Medien auf den Plan treten. Meine These ist, dass die Reportage die journalistische Antwort auf die Entstehung des Films ist. Die erste große Blütezeit der Reportage ist um 1900, also kurz nachdem der ersten Film der Geschichte gezeigt worden war. Seitdem hat der Printjournalismus immer reagiert, wenn die visuellen Medien neue Techniken oder Erzählstrategien entwickelt haben.

Wie reagiert die Reportage aber auf den fragmentierten Journalismus unserer Zeit, auf kurze Posts, Instagram Stories oder Snaps? 

Man kann zwar keine Geschichte in einem Snap erzählen, aber man kann eine Geschichte mit Snaps erzählen. Die Reportage geht auch schon länger in diese Richtung, sie wird kleinteiliger, episodischer. Auch hier kann sich die Reportage moderner aufstellen und von den neuen Erzählformen lernen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Reportage schreiben? 

Ich stelle mir die Geschichte immer zuerst als Dokumentarfilm vor. Ich denke also erst einmal gar nicht ans Schreiben, ich überlege, was ich gerne sehen würde. Das ist die wichtigste Frage am Anfang: Was willst du sehen? Nicht, was willst du wissen, mit wem willst du sprechen. Dafür gibt es andere Textformen. Wenn ich für mich entschieden habe, was ich in meinem Film sehen möchte, dann überlege ich mir, welche Protagonisten dafür in Frage kommen könnten. Ich gehe also ziemlich genau wie ein Dokumentarfilmer vor.

Was war die wichtigste Reportage Ihrer Karriere? 

Die Reportage aus Chile. Nach der Veröffentlichung dieses Textes haben mir Leser geschrieben, dass sie vor Rührung geweint haben. Für diese Reportage bin ich von Santiago 2000 Kilometer in die Wüste gereist. Ich beschreibe in der Reportage, wie immer mehr vom reizüberfluteten Leben eines Städters verschwindet, bis am Ende gar nichts mehr da ist. Eigentlich ist es ein Beschreiben von Verlust, der sich am Ende aber als Gewinn herausstellt, weil man immer mehr auf das konzentriert ist, was ist, am Ende ganz auf sich selbst.

Diese Reportage findet man hier: http://bit.ly/2x0OkoA 

Gibt es eine Reportage, auf die Sie alles andere als stolz sind? 

Ja, die gibt es, das war meine allererste Reisereportage. Ich war damals Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und habe eine Eishockeymannschaft nach Japan begleitet. Naiv wie ich war, dachte ich, dass ich so nebenbei noch eine nette Japangeschichte für den Reiseteil mitbringen könnte. Diese ahnungslose Beschreibung des Landes war der Inbegriff des leserfeindlichen, langweiligen Reisejournalismus. Ein Autor, der keine Ahnung hat worüber er schreibt, sollte sein Unwissen nicht verklären. Manchmal wird behauptet: Ja, dann bin ich wenigstens unvoreingenommen und habe keine Vorurteile. Das ist großer Quatsch, weil man immer Vorurteile hat. Man muss gut vorbereitet sein und wissen, was man erzählen will, nicht unbedingt, was man erzählen wird. Ich bin froh, dass diese Geschichte heute in den staubigen Archiven der Süddeutschen schlummert.

Warum wird die Reportage die Königsdisziplin genannt? 

Weil sie die aufwendigste ist. Es kostet viel Geld einen Reporter irgendwohin zu schicken, es kostet viel Zeit längere Texte zu schreiben. Aber vor allem liegt es wohl daran, dass Menschen sich von jeher Geschichten erzählen. Die Reportage ist nahe an der Literatur, nahe an all den Geschichten, die uns Hollywood erzählt, nur eben mit realen Personen und realen Plots. Und wie die Literatur und das Kino har eine gute Reportage immer einen Metatext, in dem man vielleicht sogar sich selbst wiedererkennt.

Kann man all das, was Sie gerade beschrieben haben, in einem einzigen Reportage-Seminar überhaupt lernen? 

Ich versuche immer jeden Schüler an seiner Ausgangsposition zu beurteilen. Ich habe kein absolutes Ziel. Mein Ziel ist es, dass alle, die da sitzen, souveräner und besser werden. Das erreichen wir immer. Es geht dabei viel um Struktur, aber auch um Erzähltricks, die einen Text gleich viel besser machen.

Sie feiern dieses Jahr Ihr 30-jähriges Jubiläum als Dozent. Was sind die eklatantesten Veränderungen, die Sie erlebt haben? 

Die Motivation, warum jemand Journalist wird, hat sich über die Jahre sehr verändert. Ich habe drei Phasen erlebt. Als ich in den späten 80er Jahren angefangen habe, waren Journalisten sehr politisch, sie hatten ein Anliegen. Vielen, die um 2000 herum Journalist geworden sind, war es wichtig dazuzugehören. Viele sahen ihre Zukunft bei Gala und Bunte und sahen Journalismus als Schlüssel, um in die Welt der Reichen und Mächtigen vorzudringen. Jetzt, seit ein paarJahren, gibt es viele junge Menschen, die die Welt um sie herum nicht mehr als so sorglos empfinden wie es in den 90ern der Fall war. Es sind in einem positiven Sinne wieder Weltverbesserer dabei. Auf der anderen, der technischen Seite, muss auch ich als Dozent verstehen und akzeptieren, dass der reine Text nicht mehr die ganze Wahrheit ist. Viele Menschen wachsen ausschließlich mit visuellen Medien auf und lesen kaum noch. Wir Dozenten müssen uns also überlegen, wie man auch die mit Inhalten versorgen kann. Dazu muss man neue Wege gehen. Zum Beispiel lasse ich in Porträtseminaren die Teilnehmer einander erst einmal mit kurzen Snap-Reportagen vorstellen. In München arbeite ich als Journalistentrainer bei bestimmten Projekten mit der Filmhochschule zusammen.

Für welches Thema würden Sie jetzt sofort alles stehen und liegen lassen, um darüber eine Reportage zu schreiben? 

Mich interessiert der Himalaya-Staat Bhutan. Dort ist das Recht auf Glück in der Verfassung verankert. Ich würde sehr gerne ein paar Monate lang der Frage nachspüren, wie sich dieses Recht im realen Leben konkretisiert, ob es zum Beispiel eingeklagt werden kann. Wäre ich nicht Vater eines 5-Jährigen und durch Lehraufträge gebunden – ich würde sofort fliegen.

Kurz und knapp in drei Worten. Was muss eine Reportage haben, dass Sie sie lesen möchten? 

Erstens Relevanz. Zweitens mir bis dahin unbekannte Informationen. Und drittens Spannung.

Das Gespräch führte unsere Studienleiterin Kristin Schulze.