Vor zehn Jahren beschloss der Axel Springer Verlag, seine Journalistenausbildung komplett neu aufzustellen. Aus der damaligen Journalistenschule ging die Axel Springer Akademie hervor. Was hat sich seitdem verändert, welche Herausforderungen gibt es heute? Darüber spricht Akademie-Direktor Marc Thomas Spahl im „inside.mag“ mit Anna von Bayern, Absolventin aus Team 1, des ersten Lehrgangs, und Marvin Wildhage aus Team 21, das dieses Jahr seine Ausbildung begonnen hat.

Es ist ein Treffen der Generationen an diesem Morgen in der Axel Springer Akademie: Anna von Bayern, 38, Bestseller-Autorin, freie Journalistin und Moderatorin des BILD-Live-Talks „Die richtigen Fragen“. Vor zehn Jahren lernte sie bei der BILD am SONNTAG. Und Marvin Wildhage, 20, seit Januar frisch an der Akademie, Stammredaktion BILD. Mit seinem Youtube-Kanal „Startalking“ erreicht er 14.000 Abonnenten und generiert im Durchschnitt 130.000 Videoaufrufe pro Monat. Marc Thomas Spahl, 49, baute die Axel Springer Akademie mit auf und übernahm 2010 ihre Leitung, davor war er unter anderem in der Chefredaktion der WELT-Gruppe.


Das Gespräch fand im „Roten Salon“ der Akademie statt. Im Hintergrund ein Bild aus der B.Z.-Kulturredaktion, Ende der 50er Jahre.

Spahl: Ich kann mich noch sehr gut an diesen 2. Januar 2007 erinnern. Erster Tag der neuen Axel Springer Akademie. Das hatte was von einer Theater-Premiere. Alles neu, alle gespannt, große Nervosität. Wie sind Ihre Erinnerungen?

von Bayern: Da war diese unglaubliche Pionier-Stimmung. Man hat gespürt, wie ambitioniert alles geplant war. Das hat sich direkt auf uns übertragen. Und vor allem ging es sofort zur Sache, gleich am ersten Tag Unterricht, das volle Programm.

Spahl: Wie haben sich die Anforderungen an Journalisten in diesen zehn Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

von Bayern: Die grundsätzlichen Anforderungen sind sicher dieselben: Geschichten erkennen und erzählen können. Aber heute muss man handwerklich viel mehr drauf haben, viel mehr verschiedene Kanäle bedienen und das quasi in Echtzeit, rund um die Uhr. Das geht natürlich manchmal auch zu Lasten der Qualität.

Wildhage: Verändert hat sich aber auch der Anspruch unserer Leser und Nutzer. Meine Erfahrung ist, dass die junge Zielgruppe mehr Infotainment möchte: Nachrichten ja, aber sie will vor allem auch unterhalten werden.

von Bayern: Ich finde, dass Infotainment seine Berechtigung hat. Denn natürlich konkurrieren wir heute noch stärker um Aufmerksamkeit und müssen versuchen, Leser und Nutzer immer wieder neu für unsere Geschichten zu begeistern.

Spahl: Kürzlich hat ein ehemaliger Mitarbeiter aus dem Haus auf Facebook gepostet, ihm kämen die jungen Journalisten heute nicht mehr so leidenschaftlich, so neugierig vor wie früher. Das kann ich wirklich nicht bestätigen, und ich habe sehr viele erlebt. Aber die jungen Kollegen heute wirken oft abgeklärter, desillusionierter. Sie glauben nicht mehr unbedingt, dass ein Journalist mit seiner Arbeit die Welt verändern kann.

von Bayern: Kein Wunder, vor zehn Jahren waren wir Journalisten auch noch viel mehr „Gatekeeper“, die ihre Nachrichten und die Informationskanäle eher steuern konnten. Das ist nicht mehr so. Inzwischen liegt die große Herausforderung eher darin, mit der ständigen Desinformation klarzukommen, der wir noch viel stärker ausgesetzt sind.

Spahl: Deshalb gibt es heute noch weit mehr Recherchetraining an der Akademie als früher. Wir stellen unsere Lehrpläne ständig auf den Prüfstand und modifizieren sie. Social-Media-Recherche zum Beispiel spielt inzwischen eine enorm wichtige Rolle. Anderes Beispiel: Jeder Schüler verfolgt über Monate hinweg ein investigatives Recherche-Projekt, das eng begleitet wird und an dessen Ende oft beeindruckende Exklusivgeschichten herauskommen, wie die über eine bis dahin geheime ISIS-Zelle in Wolfsburg, die zur BILD-Schlagzeile wurde.

von Bayern: Was auch zu einem Riesenproblem geworden ist, dass wir heute ein noch größeres generelles Misstrauen gegenüber uns Journalisten zu spüren bekommen.

Spahl: Wie gehen Sie damit um?

Wildhage: Bei den Interviews für meinen Youtube-Kanal habe ich das nicht so gemerkt, aber sicher auch, weil kein großer Verlag dahinter steht. Klar hat man mir auch manchmal vorgeworfen: „Du machst ja nur PR-Interviews.“ Aber deswegen bin ich jetzt hier, versuche kritischer zu werden und trotzdem höflich und charmant zu bleiben.

von Bayern: Schließt sich ja nicht aus.

Spahl: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich versuche immer wieder, meinen Schülern den Unterschied zwischen Höflichkeit und allzu viel Respekt klarzumachen. Aber generell muss man feststellen, dass es bei vielen Journalisten eine zunehmende Beißhemmung gibt. Zu viel Nähe, zu viel Gefallen-Wollen, bloß niemanden vor den Kopf stoßen.

von Bayern: Weil auch der Konkurrenzdruck immer größer wird – und uns bei Interviews immer mehr Bedingungen diktiert werden. Umso wichtiger, was man hier an der Akademie lernt: sich kritische Distanz zu bewahren, dafür richtig zu kämpfen. Ich weiß noch, wie ein Dozent mal zu uns sagte: „Leute, wir machen das alles doch nicht, um Freunde fürs Leben zu finden.“

Wildhage: Aber die Realität ist auch, dass viele, vor allem Prominente uns nicht mehr so brauchen. Früher konnte man als Journalist noch sagen: Wir machen das Interview nur, wenn Sie was zu diesem oder jenem Thema sagen. Heute haben die ihre eigenen Kanäle, ob uns das gefällt oder nicht.

Spahl: Umso wichtiger, durch sehr gute Recherche, eine klare, schöne Sprache, kluge crossmediale Ansätze und extrem akkurate Umsetzung den Unterschied zwischen Social Media und professionellem Journalismus herauszustellen. Immer und immer wieder.

Wildhage: Da bietet einem dieser Verlag ja auch alle Möglichkeiten. Das geht bei der Ausbildung los, wo wir alles lernen und total viel ausprobieren können. Und später in den Redaktionen wird ja alles auf die Beine gestellt, was man sich nur vorstellen kann, von aufwändigen Reportagen und Recherchen über Video und Social Media bis zu Virtual Reality.

Spahl: Was bedeutet es Ihnen, für Axel Springer zu arbeiten?

von Bayern: Axel Springer ist wahrscheinlich das innovativste Medienhaus Europas. Das zeigt sich eben schon an der Ausbildung. Und dann vor allem journalistisch. Nur ein Beispiel: Bei Bild.de machen wir Deutschlands ersten Live-Politik-Talk, in den sich Spitzenpolitiker per Skype zuschalten. Persönlich komme ich einfach immer wieder gern her, weil ich das Gefühl habe, dass die, mit denen man arbeitet, an denselben Dingen hängen.

Spahl: Eine Wertegemeinschaft, trotz aller Unterschiede. Wir wollen eben nicht nur zukunftsweisenden Journalismus machen, sondern setzen uns für demokratische Grundwerte ein, für Freiheit und Weltoffenheit. Da halten wir zusammen, hat man auch gerade wieder beim Fall Deniz Yücel gesehen.

Wildhage: Ich mache das an BILD fest. Da hat mir ein Kollege schon früh gesagt: Die ziehen an einem Strang, und sie sind immer noch so was wie die Stimme des Volkes. Wie die den Finger in die Wunde legen, das war für mich der Grund hierherzukommen.

Spahl: Schlussfrage – was werden Sie von Ihrer Ausbildung nie vergessen?

von Bayern: Diesen inneren Kompass, den wir hier vermittelt bekommen haben: Wie weit dürfen wir, wie weit müssen wir gehen?

Wildhage: Und ich, wie am ersten Morgen im Interview-Seminar gleich vier Dozenten zu uns in den Newsroom gekommen sind! Da hab ich mir gedacht: Wow, die meinen es wirklich ernst!

Die Axel Springer Akademie gilt als fortschrittlichste Journalistenschule im deutschsprachigen Raum. Sie bietet jährlich bis zu 40 Talenten die Möglichkeit, crossmedialen Journalismus von Grund auf zu lernen. Für ihre Digital-Projekte wurde die Akademie, die auch ein Think Tank des Verlags ist, vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Henri-Nannen-Preis, dem Grimme Online Award und dem European Digital Media Award des Weltzeitungsverbandes.

Noch mehr spannende Geschichten: Welches war das Team mit den meisten Liebesbeziehungen? Für welchen Gast mussten sämtliche Feuermelder ausgeschaltet werden? 10 Fakten, Geschichten und Kuriositäten aus 10 Jahren Akademie hier (Teil 1) und hier (Teil 2)