Ist jede Form des Journalismus Bürgerjournalismus, da jeder Journalist zugleich ein Bürger ist? Der Begriff unterscheidet vielmehr zwischen einer professionell und freizeitlich betriebenen journalistischen Arbeit. Neben dem professionellen Journalisten tritt mit dem Bürgerjournalisten der schreibende Laie auf, der aktiv an der Berichterstattung teilnimmt.

Die Formen der bürgerjournalistischen Beteiligung reichen vom klassischen Leserbrief und Kommentar bis hin zu einem Blog oder Podcast. Bürgerjournalisten haben die Möglichkeit, abseits von Redaktionsplänen ihre Themen zu setzen und subjektive Perspektiven einzunehmen. Sie sind in Lokalredaktionen eine Ergänzung, wenn es um Themen direkt vor Ort geht und in Ländern mit begrenzter Pressefreiheit eine Quelle für unzensierte Schilderungen. Eine synonyme Bezeichnung ist der Begriff partizipativer Journalismus. Dieser Begriff ist präziser hinsichtlich des Phänomens der aktiven Beteiligung.

Was ist Bürgerjournalismus?

Bürgerjournalismus, Graswurzel- oder partizipativer Journalismus – die Begriffe variieren, doch sie haben gemeinsam, dass sich Bürger aktiv an der Medienlandschaft beteiligen. Das geschieht entweder durch das eigenständige Verfassen von Informationen auf einem Blog, das Kommentieren von Artikeln oder durch die Zusammenarbeit mit Journalisten. Ein weiterer Bereich des partizipativen Journalismus ist das Einbinden des Lesers in den Entstehungsprozess von Zeitungen, Zeitschriften oder Onlinemedien. Das geschieht durch Leserbeiräte, Umfragen zu gewünschten Themen oder Medienangeboten, die auf eine Mitgliedschaft beruhen.

Medienschaffende und Medienforscher beschreiben den Bürgerjournalismus mit unterschiedlichen Ansätzen. Für die einen beginnt der partizipative Journalismus beim Schreiben eines Kommentars oder Leserbriefes. Andere verwenden den Begriff im Zusammenhang mit Personen, die aktiv Beiträge schreiben oder Journalisten unterstützen. Für die US-amerikanischen Journalisten und Blogger Shayne Bowman und Chris Willis kennzeichnen all diese verschiedenen Formen den partizipativen Journalismus, im Englischen participatory journalism. Wenn Laien recherchieren oder ihr Fachwissen teilen, läuft das auch unter dem Begriff Graswurzel-Journalismus. Darunter fallen als Beispiel von Lesern gemachte Fotos und Videos oder das Liefern von Fachinformationen. Der Bürger partizipiert aktiv an den Nachrichten oder der Berichterstattung, indem er sein Fachwissen oder seine Erfahrungen teilt.

Von Flugblättern zum Nischenblog

Das Prinzip, dass sich Bürger aktiv am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen, lässt sich bis zu den Anfängen des Drucks zurückverfolgen. Was früher die Flugblätter, Briefe oder Leseranrufe waren, bietet heute das Internet. Wer aktiv Informationen teilen oder bewerten möchte, bekommt durch das Internet eine Plattform. In den USA und Großbritannien greifen führende Zeitungen und Medien seit Jahren auf ein Netzwerk an Bürgerjournalisten und deren Fachwissen zurück. In manchen Ländern sorgen kritische Blogger, die über Themen berichten, die Staatsmedien ausklammern, für Informationen, die professionelle Journalisten nicht bereitstellen. Auch in Deutschland öffnen sich Zeitungen und Onlinemedien den verschiedenen Möglichkeiten, ihre Konsumenten durch Beiträge oder andere Formen aktiv einzubinden.

Für manchen Konsumenten bilden die Bürgerjournalisten eine Alternative zu den großen Medien. Themen, die eine Zeitung nicht abdeckt, finden sich in Blogs, Foren oder sozialen Netzwerken wider. Diese Beiträge variieren zwischen Texten, die Hobbyschreiber verfassen und solchen, die auf die persönlichen Interessen von ausgebildeten Journalisten zurückgehen.

Was unterscheidet den professionellen Journalismus vom Bürgerjournalismus?

Im Gegensatz zu professionellen Journalisten betreiben viele Bürgerjournalisten ihre publizistische oder partizipative Aktivität als Hobby. Aus Begeisterung und Interesse schreiben sie über Themen oder recherchieren, die für den normalen Zeitungs- und Zeitschriftenbetrieb eher vernachlässigbar sind. Ein Unterschied besteht damit in der Themenwahl, die dem Bürgerjournalisten frei überlassen ist.

Der partizipative Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass Laien und Bürger einen Weg suchen, ihre Informationen und ihre Meinung mitzuteilen. Ein Bürgerjournalist hat die Option, Erlebtes subjektiv zu berichten und seine Meinung in eklatanter Weise mit in seine Texte einfließen zu lassen. Das drückt sich im Inhalt, in der Sprache und dem Stil aus. Ein Journalist lernt die Grundlagen der Journalistik, die verschiedenen Darstellungsformen, die erzählerischen Perspektiven und die Bedeutung einer Recherche kennen. Ohne praktische Erfahrungen oder eine Ausbildung in Journalistik unterscheiden sich viele Bürgerjournalisten durch die Qualität und Neutralität ihrer Texte von professionellen Journalisten.

Der Bürgerjournalismus als Ergänzung

Während Medien zuallererst an ihre Leser und Verkaufszahlen zu denken haben, ist der Bürgerjournalist frei. Unabhängig vom aktuellen Tagesgeschehen widmet sich der Bürgerjournalist unterschiedlichsten Themen und ergänzt den klassischen Journalismus um thematische Aspekte. Partizipativer Journalismus ist nicht darauf begrenzt, dass der Laie selbst zur Feder greift. Alternative Projekte wie durch Privatpersonen finanzierte Medienangebote existieren durch die Unterstützung von interessierten Konsumenten und erweitern die Arbeitsoptionen für Journalisten.

Graswurzel-Journalisten bereichern mit ihrem Fachwissen oder ihrem Engagement die Recherche von klassischen Journalisten. In der Zusammenarbeit eröffnet sich die Option, größere Datenmengen zu analysieren und zu bewerten. Die „Crowd“ hilft dem Journalisten bei der Recherche. Der Bürgerjournalismus und partizipative Journalismus stehen nicht in direkter Konkurrenz zum klassischen Journalismus. Sie erweitern ihn um andere Perspektiven, Themen und Meinungen aus Sicht des Bürgers und Publikums.

Journalist werden oder nur bürgerjournalistisch partizipieren?

Der Bürgerjournalismus bietet Laien die Option, journalistisch tätig zu werden. Mit einem Blog, auf Social-Media-Kanälen und den Onlinepräsenzen der Medien oder in Lokalredaktionen hat jeder die Möglichkeit, sich zu beteiligen.  Die wesentlichen Voraussetzungen, um als Bürgerjournalist tätig zu sein, sind das aktive Kommentieren, Mitmachen oder Schreiben. Verschiedene Zeitungen greifen auf lokale Bürgerjournalisten zurück. Mit einem Handy oder einer Fotokamera und einem Notizblock ist jeder interessierte Konsument Bürgerjournalist.

Der Vorteil, nur teilzunehmen und nicht ein professioneller Journalist zu sein, liegt darin, dass sich dies neben dem Beruf machen lässt. Wer sich für diese Arbeit begeistert, findet entsprechende journalistische Weiterbildungen, Studiengänge oder sammelt praktische Erfahrungen direkt bei den Zeitungen und Zeitschriften.

Kritik am Bürgerjournalismus

Die Schwächen des Bürgerjournalismus liegen in dessen mangelnder Professionalität. Daraus folgen in manchen Fällen Einbußen in der Qualität und Neutralität. Was der Nachbar von nebenan zum Thema Miet-Hai schreibt, beruht nicht zwangsläufig auf Fakten, sondern ist durchmischt mit persönlichen Erfahrungen oder der eigenen Meinung. Bürgerjournalistische Texte durchlaufen im Internet selten eine Korrektur. Bei journalistischen Beiträgen ist ein Lektorat und Überprüfen selbstverständlich. Zum anderen sehen Verbände und Verteidiger des qualifizierten Journalisten die Gefahr, dass begeisterte Hobbyjournalisten für eine geringere Bezahlung sorgen. Letztendlich entscheiden über die Qualität der Leser und das Publikum. Entspricht diese seinen Erwartungen, bleibt er als Konsument erhalten. Leidet die Qualität unter politischer Propagandasprache oder PR-Maßnahmen bleiben sowohl dem bürgerlichen als professionellen Journalisten wenig Leser erhalten. Bürgerjournalisten und der partizipative Journalismus ergänzen die Arbeit von Journalisten. Diese verfügen über berufsspezifische Kenntnisse und Praxis, die ein Laie in seiner Freizeit nicht erlangt.