Was ist Gonzo Journalismus?

Den Begriff Gonzo-Journalismus rein theoretisch zu erklären ist so, als ob man jemandem, der noch nie verliebt war, dieses Gefühl erklären wollte. Gonzo-Journalismus bedeutet im Gegensatz zum konventionellen Journalismus ein Eintauchen in die Geschehnisse.
Wo der Mainstream-Journalismus den Anspruch auf objektive Berichterstattung erhebt, wischt Gonzo-Journalismus dieses Ansinnen sofort beiseite. Gonzo-Journalismus ist die Gegenthese zum klassischen Journalismus: objektiv wird zu subjektiv, der Beobachter wird zum Akteur, beschreibende Sprache wird zu Polemik, Flüchen und Schimpfwörtern, Reportage wird zum Trip. Ereignisse, Halluzination und Fiktion des Autors vermischen sich. Die Form der Erzählung irrlichtert scheinbar willkürlich wie ein Betrunkener über den Acker.

Kritik an der Berichterstattung des Gonzo-Journalismus

Eine naheliegende Kritik ist der Verlust einer möglichst objektiven Berichterstattung. Ethische Grundsätze des Journalismus stehen nicht im Mittelpunkt. Stattdessen tauchen Gonzo-Journalisten direkt in das Leben ein und bauen eine persönliche Beziehung zu den Geschehnissen auf. Durch diese Unmittelbarkeit geht ein Teil der Objektivität verloren.
Eine Gefahr für den Gonzo-Journalismus besteht darin, in die Nähe des Sensations-Journalismus gerückt oder mit ihm verwechselt zu werden. Im Gegensatz zu Gonzo-Journalismus ist Sensations-Journalismus allerdings gefühlskalt, kommerziell und verroht.

Ist Gonzo – Journalismus ehrlicher als konventioneller Journalismus?

Welche Art des Journalismus vermittelt das Bild der Realität besser? Wie dringt die Information besser in interessierte Leser ein? Vermutlich ist der Aspekt, welches Medium der Leser oder der Zuschauer auswählt, viel entscheidender. Mancher Leser mag die Abwechslung, die der Gonzo-Journalismus bietet, willkommen heißen. Gonzo-Journalismus taucht in Welten ein, die für den durchschnittlichen Bürger nicht erreichbar sind. Auf diese Weise entsteht keine wissenschaftliche Dokumentation, aber eine Erzählung, die für den Leser persönlich nacherlebbar ist. Der unmittelbare Eindruck vor Ort – und somit auch der (subjektive) Gehalt an Wahrheit – kann über dieses Stilmittel intensiver kommuniziert werden.

Welche Werkzeuge braucht ein Gonzo-Journalist in der Praxis?

Der Bericht von außen wird zum Erleben von innen. Deshalb ist Empathie von Bedeutung. Eine Haltung, über das Leben lediglich zu berichten, ohne es an sich ranzulassen, wird hier nicht funktionieren.
Experimentierfreude ist der Schlüssel für einen erfolgreichen Gonzo-Journalismus-Kanal, sei es Print oder online. Die Konkurrenz ist da, denn jeder Smartphone-Besitzer hat die Möglichkeit, Gonzo-Berichte zu erstellen und zu verbreiten.
Kein Werkzeug, sondern ein Geschenk aus dem Gen-Pool: Der Gonzo-Journalist steht oft als Protagonist im Mittelpunkt seiner eigenen Erzählung. Eine interessante Persönlichkeit kann die Arbeit erleichtern.
Der exotische Gonzo-Journalist hat noch ein wenig den Geschmack des Außenseiters und Idealisten. Das wird aber in den nächsten Jahren nachlassen. Die Mainstream-Berichterstattung wird aufgrund der Zunahme an Gewalttaten immer mehr Reality-TV. Extreme Gewalttaten werden als zum Alltag zugehörig wahrgenommen. Insofern polarisiert Gonzo-Journalismus nicht mehr wie in den 70er Jahren.

Wie vervöllständigt Gonzo-Journalismus das Berufsbild des Journalisten?

Gonzo-Journalismus ist ein hochinteressanter und pragmatischer Ansatz als Ergänzung eines ernsthaften Journalismus. In der Kommunikations-Psychologie ist bekannt, dass nicht alle Rezipienten sich durch jedes Format ansprechen lassen. So können durch Gonzo-Journalismus ggf. Leser oder Zuschauer über Geschehnisse informiert werden, die sonst nicht erreicht würden, einfach weil sie durch diese Art der Berichterstattung einen besseren Zugang zu einem Thema finden.
Trotz aller Vorurteile, die man gegenüber dem Gonzo-Journalismus haben mag, ist er doch in der Lage, beispielsweise parallele gesellschaftliche Strukturen zu besuchen und aus erster Hand darüber zu berichten. Diese Erlebnisse von innen können bei den Lesern die vorhandenen Klischees ergänzen und zu einer anderen oder differenzierten Sichtweise führen. Einem klassischen Journalisten wäre eine solche Vorgehensweise verwehrt.

Gonzo-Journalismus: Abgrenzung zu anderen erzählerischen Gattungen und Formaten

Wenn man das Konzept des Gonzo-Journalismus nicht kennt, könnte man versuchen, ihn in den Bereich Persiflage einzuordnen. Tatsächlich bedient sich der Humor des Gonzo-Journalismus auch bei dem Stilmittel der Übertreibung und nimmt Anleihen aus Psychedelic Art, Surrealismus, vielleicht ein wenig aus dem Geiste des Dadaismus und bereitete den Weg für Reality-TV und Autoren-Kino vor.
Eine interessante und zynische Distopie bietet der Film Nightcrawler. Der Protagonist, beeindruckend verkörpert von Jake Gyllenhaal, führt die Geschehnisse, über die er berichtet, am Schluss selbst herbei. Dies ist auch eine Referenz an den Gonzo-Journalismus.

Gonzo-Journalismus. Keine Beschreibung. Eine Erfahrung.

„Wir waren irgendwo bei Barstow am Rande der Wüste, als die Drogen zu wirken begannen.“ Mit diesem Satz beginnen sowohl Buch als auch Film „Fear and Loathing in Las Vegas“. In der deutschen Übersetzung titeln Buch und Film kassentauglich, aber etwas kraftlos als „Angst und Schrecken in Las Vegas“. (Im Rahmen dieses Abschnittes erlauben wir uns, Sie persönlich anzusprechen. Dieses kleine Stilmittel hilft uns dabei, Ihnen die Erfahrung des Gonzo-Journalismus näher zu bringen.)
Wir sprechen hier vorzugsweise über den Film, nicht den Roman. Aus zwei Gründen. Erstens verwendet der Film hervorragende und einfach zu verstehende visuelle Mittel, um Ihnen den Begriff Gonzo-Journalismus nahezubringen. Zum anderen brauchen Sie für den Film nur 110 min.
Die extrem subjektive Sichtweise des Gonzo-Journalismus visualisiert Regisseur Terry Gilliam trefflich: Der Protagonist, dargestellt von Johnny Depp, trägt erst eine Brille mit gelben Gläser, dann mit roten. Sie kennen ja das Sprichwort, etwas durch die rosarote Brille zu betrachten. Das bedeutet, man nimmt die Realität durch einen Filter wahr. In diesem Falle durch Drogen; wir verzichten auf eine detaillierte Aufzählung.
Nicht nur die Wahrnehmung, auch die Beschreibung der Welt ist verzerrt. Johnny Depp hat die ganze Zeit eine Zigarettenspitze im Mund und nuschelt. Er spricht teilweise gleichzeitig als Schauspieler und im Off und fragt anschließend, ob er das gesagt hat.
Worum geht es bei der Erzählung? Johnny Depp und Benicio del Toro (als sein Anwalt) fahren dauerbekifft durch Nevada/Las Vegas und besuchen lediglich gefühlte drei Minuten das Mint 400 Motorrad-Derby in der Wüste. Das Rennen sei durch den aufgewirbelten Sand eher ein Durchhaltewettbewerb und man könne nicht im konventionellen Stil darüber berichten, sagt Johnny. Aha…
In einigen ungewöhnlich ernsthaften Passagen wird die Suche nach dem amerikanischen Traum angedeutet. Die Suche scheitert für unsere beiden Antihelden wie so sicher wie das Erreichen des Regenbogens, doch immerhin war der Versuch möglich und schenkte uns ein phantastisches Stück Literatur.
Nehmen Sie sich die Zeit und genießen Sie das Movie oder lesen Sie das Buch. Das bringt Ihnen mehr als eine staubtrockene klinische Beschreibung darüber, was Gonzo Journalismus ist. Der Film zählt als Kult, der Roman als Schlüsselroman des Schriftstellers Hunter S. Thompson.