In Zeiten, in denen die Informationsflut überhandzunehmen scheint, braucht es kritischen Journalismus. Kritischer Journalismus basiert auf einer umfangreichen Recherche, der Überprüfung von Fakten und Daten und einer neutrale Darstellung der Nachrichten. Wer bei dem Begriff nur an Kritik oder Opposition denkt, begrenzt ihn.

Was ist kritischer Journalismus?

Kritik heißt bewerten, abwägen und argumentieren. Kritische Journalisten haben die Aufgabe über schwer zu fassende Themen wie Krieg, Katastrophen oder Politik zu schreiben oder zu berichten. Ihre Beiträge präsentieren dem Leser, Zuhörer oder Zuschauer Informationen ohne zu werten. Ein wichtiges Element ist die Objektivität und Unabhängigkeit des Journalisten. Neben dem grundsätzlichen kritischen Hinterfragen von Informationen umfasst ein kritischer Journalismus auch Journalismuskritik. Diese besteht aus dem Aufarbeiten und Beurteilen der eigenen Arbeit und der anderer journalistischer Kollegen.

Der kritische Ansatz zieht sich durch alle medialen Formen und hat mit dem Internet einen neuen Zugang zu Quellen und Informationen bekommen. Kritischer Journalismus findet sich vor allem in erzählerischen Formen wie der Reportage oder der Dokumentation. Diese bieten genügend Raum für das Darlegen von Informationen, die über einen reinen Nachrichtenwert hinausgehen. Dementsprechend konzentriert sich die Themenwahl von kritischen Journalisten und Journalistinnen auf Bereiche, die wesentlich für den gesellschaftlichen Diskurs wie Politik, Staat, Korruption oder Ungerechtigkeit sind. Die Schwierigkeiten, die sich kritischen Journalisten ausgesetzt sehen, verdeutlichen den Nutzen ihrer Arbeit. Dabei reichen diese von mangelnder Anerkennung und schlechten Verdienst bis hin zu Gefahren für das eigene Leben. In vielen Ländern sind die Pressefreiheit und unabhängiger Journalismus seit Jahren bedroht.

Kritischer Journalismus als Instrument für den mündigen Bürger

Ein kritischer Journalist steht nicht per se in Opposition zum Staat oder der Regierung. Doch die Bedeutung des kritischen Journalismus zeigt sich vor allem in Ländern, wo eine unabhängige Berichterstattung erschwert ist. Exemplarisch seien Länder wie China oder Russland genannt. Dort liefern unabhängige und kritische Journalisten wie die des russischen Senders Doschd Informationen, die staatsnahe Medien nicht erwähnen. Freie und unabhängige Medien sind ein Grundpfeiler der Demokratie. Wo die Pressefreiheit eingeschränkt ist, gelangt die Gesellschaft nur schwer an neutrale Informationen.

Je einfacher es fällt, sich Informationen über das Internet zu beschaffen, desto schwieriger ist es, zu entscheiden, welche davon vertrauenswürdig sind. Kritische Journalisten übernehmen bei dieser Herausforderung für ihr Publikum die Aufgabe, Informationen zu sichten, zu ordnen und verständlich und sachlich zu präsentieren. Sie bilden eine objektive Instanz. Im besten Fall berichten sie über Geschehenes und informieren ihr Publikum darüber, wie sich zukünftige Entwicklungen möglicherweise gestalten. Davon abgesehen ermöglicht kritischer Journalismus, dass sich der Konsument zu einem kritischen Bürger entwickelt.

Kritisch, investigativ oder konstruktiv – wo ist der Unterschied?

In einer Newsredaktion bleibt wenig Zeit für kritischen Journalismus, auch wenn die kritischen Grundsätze Leitmotive für jeden Journalisten sind. Doch Nachrichten sind die Anhäufung von Fakten, möglichst knapp und verständlich präsentiert. Der konstruktive Journalismus erweitert Nachrichten um Lösungsansätze und Informationen zum Hintergrund der Geschichten. Jedoch ist er nicht automatisch mit dem kritischen Selbstverständnis eines Journalisten gleichzusetzen. Denn konstruktive Journalisten suchen nach Lösungsansätzen und versuchen, durch ihre Berichte mit positiven Aspekten der ausufernden negativen Berichterstattung entgegen zu treten. Ein kritischer Journalist ist aufgrund der ursprünglich eingeforderten Objektivität nicht per se konstruktiv, jedoch kann ein konstruktiver Journalist kritisch sein.

Investigativen und kritischen Journalismus gleichzusetzen, liegt nahe. Beide Formen begeben sich auf die Suche nach Fakten und Hintergründen von Geschichten. Investigative Journalisten nutzen Methoden wie die verdeckte Recherche, die für eine kritische Berichterstattung nicht immer nötig sind. Die Grenzen zwischen beiden Formen sind fließend. Kritischer Journalismus ist mehr eine Herangehensweise an die Informationen und der investigative eine Methode. Der kritische Journalist grenzt sich klar von den Formen des Journalismus ab, die mit PR oder Content Marketing verschwimmen. Ein kritischer Journalist macht keine journalistisch ungeprüften Darstellungen für Unternehmen oder verfasst werbende Beiträge. Er hinterfragt und beleuchtet verschiedene Sichtweisen auf ein Thema.

Berufsziel kritischer Journalist

Der Beruf des Journalisten ist eine Arbeit mit mittelmäßigem Lohn und anstrengenden Arbeitszeiten. Journalisten erlernen ihr Handwerk auf verschiedene Weise durch ein Studium, eine entsprechende Ausbildung und durch Volontariate oder andere Praxiserfahrungen. Sowohl während eines Studiums, des Besuchs einer Journalistenschule oder direkt in der Redaktion erlernen Journalisten automatisch die Grundlagen des kritischen Journalismus. Trotz aller widriger Umstände wie der teilweise mangelnden Anerkennung, der durchwachsenen Bezahlung oder der Arbeitszeiten, ist der Beruf des Journalisten weiterhin beliebt. Das sorgt für ein begrenztes Angebot an Arbeitsplätzen als angestellter Journalist oder Journalistin. Eine Alternative zur Festanstellung gerade für Journalisten, die sich auf unabhängige und kritische Maßstäbe berufen, ist die Arbeit als freier Journalist.

Der kritische und investigative Journalist hat es auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht. Ihre Recherchen brauchen Zeit und nicht jede Redaktion, ist in der Lage, diese bereitzustellen. Die Auswahl an Arbeitsplätzen im Bereich des kritischen Journalismus gestaltet sich ebenso begrenzt wie in allen Bereichen des Journalismus. Kritische Journalisten stehen vor weiteren Herausforderungen: In Deutschland sind das vor allem bürokratische Hürden und Feinheiten. In Ländern mit begrenzter Pressefreiheit sind hingegen zusätzlich die berufliche Stellung und das eigene Leben durch kritische Recherchen und Nachfragen bedroht.

Die Zukunft des kritischen Journalismus

Das kritische Nachfragen, Recherchieren und das objektive Präsentieren der Informationen bilden die Grundlage der journalistischen Arbeit. Dennoch stehen viele Medien im Spannungsfeld zwischen Nachrichten und unterhaltenden und werbenden Beiträgen. Denn Journalismus ist ein Geschäft und kritischer Journalismus erfordert Zeit und Aufwand. Nicht jede Zeitung verfügt über das Geld und Budget, um über Jahre geführte Recherchen zu unterstützen. Ist der kritische Journalismus mit seiner aufklärerischen Funktion für die Öffentlichkeit damit am Ende? Der unabhängige Journalismus feiert in Form von Crowdfunding-Modellen oder anderen Initiativen vor allem im Internet ein Comeback.

Letztendlich entscheidet der Konsument, der Leser oder Zuschauer darüber, ob kritischer Journalismus eine Berechtigung hat. Kritischer Journalismus hinterfragt seine eigenen Methoden und öffnet sich für neue Optionen oder Darstellungsformen. Dementsprechend entwickelt sich der kritische Journalismus weiter, wie beispielsweise hin zum konstruktiven Journalismus. Die Frage, inwieweit objektiver Journalismus möglich ist, wenn Menschen mit eigenen Erfahrungen im Hinterkopf berichten, erweitert zusätzlich die Formen der kritischen Berichterstattung. Was wäre die Geschichte ohne Journalisten wie Bob Woodward und Carl Bernstein, die in den USA durch ihre Berichterstattung dazu beitrugen, dass Präsident Nixon zurücktrat? Die Pressefreiheit und unabhängige, kritische Journalisten bleiben ein wichtiger Bestandteil für die aufgeklärte Öffentlichkeit.