Journalisten ohne Meinung gibt es nicht. Dennoch ist der Meinungsjournalismus nicht identisch mit jedem journalistischen Beitrag. Im Gegensatz zum neutralen, informierenden Journalismus setzt er explizit auf Formen, die eine klare Position zu einem Thema beziehen. Die Bewertung des Themas ist die wesentliche Maxime des Meinungsjournalismus. Die subjektive Darstellung ist erlaubt und erwünscht, ohne dass diese mit einer Faktenverfälschung einhergeht. Dabei gehört die wertende Berichterstattung zu den Grundformen des Journalismus. In Deutschland entwickelte sich der interpretative Journalismus seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zur weit verbreitetsten Form der Berichterstattung. Die Ursache dafür liegt in der verhängnisvollen Verbindung von Presse und Politik im Laufe der deutschen Geschichte.

Der Meinungsjournalismus bietet Journalisten und Publikum eine Option, die beim neutralen Journalismus wegfällt: Die persönliche Meinung gepaart mit Wissen zum behandelten Thema ermöglicht neue Perspektiven. Entgegen einer reinen Nachricht, Meldung und Information bezieht der Journalist in einem Beitrag Stellung. Leser, Hörer und Zuschauer bekommen im Meinungsjournalismus Wertungen oder Standpunkte präsentiert, mit denen sie sich im Idealfall befassen oder sie hinterfragen. Typische Themenfelder sind Tagesthemen, aktuelle Ereignisse und Entwicklungen. Ein weiterer Bereich, den der Meinungsjournalismus abdeckt, sind Kritiken. Eine Rezension und ein Bericht gepaart mit dem persönlichen Blickwinkel des Journalisten machen diese Erfahrung authentischer und nachvollziehbarer.

Darstellungsformen des Meinungsjournalismus

Der Meinungsjournalismus bedient sich verschiedener Darstellungsformen. Dazu gehören Varianten wie der Kommentar, die Kolumne, die Kritik, das Porträt oder der Leitartikel. Im Gegensatz zu den ersteren Formen ist der Leitartikel nur in den Printmedien anzutreffen. Über Onlinemedien oder Blogs erweitern und vermischen sich die Genres. Eine wesentliche Voraussetzung für eine meinungsjournalistische Darstellung ist dementsprechend das stilistische Werkzeug, um die Anforderungen an einen Kommentar oder einer Kolumne zu erfüllen. Denn diese beruhen auf Regeln, die es einzuhalten gilt.

Der Kommentar ist eine Darstellungsform, die klar strukturiert ist und den Autor nennt. Ob in der Zeitung oder im Fernsehen, der kommentierende Journalist steht mit seinem Namen für diesen wertenden Beitrag ein. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf aktuellen Themen, die das Medium, in dem der Kommentar erscheint, ausführlicher behandelt. Dabei unterliegt der Kommentar Richtlinien hinsichtlich des Aufbaus und der Struktur und ist keineswegs nur eine Meinungsäußerung. Dementsprechend umfasst der Werdegang eines Journalisten das Erlernen der verschiedenen Gestaltungsformen und deren Ansprüche. Wie eine Kolumne kann der Kommentar ein regelmäßiger Beitrag sein oder eine einmalige Äußerung. Die Kolumne eröffnet dem Verfasser hinsichtlich des Stils, Aufbaus und Inhalts mehr Freiheiten als ein Kommentar und ist ein Klassiker in den Printmedien. Eine besondere Form des Kommentars ist die Glosse, die durch einen satirischen Stil besticht.

Journalistische Darstellungen, deren Grundlage eine Einschätzung und Meinung ist, sind die Kritik und Rezension. Beide Formen gehören zu den meinungsjournalistischen Genres. Während Kommentare, Kolumnen, Glossen oder Kritiken einzelnen Journalisten zuordenbar sind, ist der Leitartikel eine gemeinsame Leistung der Redaktionen und Redakteure einer Zeitung oder Zeitschrift. Auch ein Porträt lässt sich den meinungsjournalistischen Darstellungsformen zuordnen. Es eröffnet dem berichtenden Journalisten größtenteils die Freiheit, Personen durch Details und deren Auslassungen wertend darzustellen.

Abgrenzung zu anderen Formen des Journalismus

Der wesentliche Unterschied des Meinungsjournalismus zu anderen Formen des Journalismus liegt darin, dass der Journalist eine Position einnimmt. Damit lassen sich meinungsjournalistische Beiträge klar vom kritischen oder interpretativen Journalismus abgrenzen. Denn bei diesem geht es darum, verschiedene Perspektiven auf ein Thema als Bericht oder Reportage verständlich aufzubereiten. Der Schwerpunkt liegt auf eine objektive Darstellung, um das Publikum wertungsfrei zu informieren.

Eine Variante des Meinungsjournalismus ist der anwaltschaftliche Journalismus oder Advocacy Journalism. Rezensionen oder Kommentare regen durch eine subjektive Darstellung den Leser, Zuschauer oder Zuhörer zu einer eigenen Meinung an. Beim anwaltschaftlichen Journalismus steht hingegen das Überzeugen im Vordergrund. Dabei liegen die Schwerpunkte des anwaltschaftlichen Journalismus auf soziale oder politische Missstände. Wichtiger Bestandteil sind dennoch Fakten und Korrektheit der Darstellung.

Neben dem neutralen, auf Information ausgerichteten Journalismus ist der Meinungsjournalismus nicht auf eine lediglich unterhaltende Funktion zu reduzieren. Kritiken und Kommentare gelten als Kür unter den journalistischen Darstellungsformen. Professionelle Rezensionen oder Glossen zeichnen sich durch das Beherrschen des journalistischen und stilistischen Handwerkszeugs aus. Davon abgesehen übernehmen Artikel, die Stellung beziehen eine Funktion, die ein informierender Beitrag nicht jederzeit leistet: Sie sind streitbar und eröffnen die Möglichkeit zu einer Debatte.

Kritik am Meinungsjournalismus

Verfälscht Meinungsjournalismus die Fakten? Ist die Grundlage des professionellen Journalismus nicht Neutralität? Journalistische, Stellung beziehende Äußerungen stehen in der Kritik, wenn es darum geht, wie wertend ein Beitrag sein darf. Die Journalistin Irene Preisinger untersuchte in einer vergleichenden Studie das Berufsverständnis von deutschen und französischen Journalisten. Darin stellte sie fest, dass Meinungsjournalismus im deutschen Medienverständnis oft unter Manipulationsverdacht stehe. Ein kritisches Publikum profitiert von Debatten, die die eigene oder andere Überzeugung infrage stellen. Informationen sind zu jedem Thema leicht zu finden. Eine begründete Positionierung oder mit Argumenten und Fakten untermauerte Meinung hingegen ist eine Möglichkeit, zu diskutieren und neue Perspektiven zu eröffnen. Meinungsjournalismus hat neben einer neutralen, objektiven Berichterstattung einen wichtigen Platz im Journalismus. Die Bedeutung geht über eine rein unterhaltende Funktion hinaus. Das funktioniert vor allem, wenn meinungsäußernde Darstellungen als solche gekennzeichnet sind und sich klar als wertend positionieren. Auf den öffentlich-rechtlichen Sendern wie ARD oder NDR und tagesaktuellen Sendungen wie den Tagesthemen leiten Moderatoren die Kommentare explizit ein. Aber auch in den Zeitungen sind Kolumnen und Kommentare als solche gekennzeichnet.