Der Journalismus geht in seinen verschiedenen Formen über den Anspruch zu informieren oder aufzuklären weit hinaus. Eine Variante, die vor allem den Fokus auf den Medienrezipienten, den Leser, Zuschauer oder Zuhörer setzt, ist der Ratgeberjournalismus. Bei diesem journalistischen Ansatz liegt der Schwerpunkt auf einer Problemdefinition und Problemlösung für den Rezipienten.
Andere Begriffe sind Servicejournalismus oder Nutzwertjournalismus. Ratgeberjournalisten beschäftigen sich mit Themen aus verschiedenen Perspektiven und bieten ihrem Publikum ein Format, aus dem es einen Nutzwert zieht. Nicht die Nachricht steht im Zentrum, sondern der Mehrwert, den der Rezipient aus den Beiträgen gewinnt. Journalisten in diesem Bereich brauchen das entsprechende Wissen. Das erfordert umfangreiche Recherchen oder der Rückgriff auf das Fachwissen von anderen Experten.
Der Ratgeberjournalismus ist so alt wie der Journalismus selbst. Von Zeitschriften mit speziellen Themen bis hin zum Fernsehen und in der Onlinewelt ist er in allen Medien zu finden. Er thematisiert Fragen, die eines Rats bedürfen, und schafft durch eine Problemdefinition ein Bewusstsein für diese. Das Ziel ist, durch eine Beratung beim Lösen und Beantworten von Fragen zu unterstützen. Seine frühesten Ausdrucksformen waren Leserbriefe, in den Ratsuchende ihre Probleme benannten und Zeitschriften, in denen Journalisten Ratschläge und Tipps gaben.

Vom Kummerkasten zu Ratgebersendungen

Ratgeber, Tipps, Tests oder Vergleiche sind wichtige Formen des Ratgeberjournalismus. Über allem steht das Konzept, ein Problem zu analysieren und eine Lösung anzubieten. Das geschieht auf unterschiedlichen Wegen, die zu vielseitigen Formaten führen. Diese finden sich in Zeitschriften, einzelnen Ratgebersendungen je nach Programm der Fernsehsender und in den Massenmedien. Eine weitere Form sind Special Interest Zeitschriften, die sich einem festgelegten Thema widmen.
Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger unterteilt die unterschiedlichen Ansätze beim Ratgeberjournalismus nach der Art der Problemwahl und Kommunikation mit dem Rezipienten. Erfolgt beispielsweise die Problemdefinition und Problemlösung durch das Publikum, übernimmt der Journalist eine vermittelnde und ordnende Rolle. In anderen Formaten thematisiert der Journalist vom Rezipienten vorgeschlagene Fragen oder erarbeitet sie sich vollständig selbst.

Der Nutzwert ist wichtiger als die Nachricht

Der Ratgeberjournalismus widmet sich unterschiedlichsten Themen und ergänzt die Arbeit von Journalisten, die der Aktualität dem Vorrang geben. Der informative Journalismus konzentriert sich auf gesellschaftlich bedeutende und umfassende Themen wie Politik, Wirtschaft oder Tagesgeschehen. Eine Problemlösung tritt vor der eigentlichen Nachricht zurück, während der Ratgeberjournalismus die Lösung ins Zentrum stellt. Mehr noch rückt er Alltagsfragen des Einzelnen in den Vordergrund. Dementsprechend breit ist die Themenwahl, die bis in private Bereiche vordringt und Problemlösungen für Privatpersonen, Familie und Individuum anbietet. Das Konzept von Ratgeberjournalisten ist, Beiträge informativ zu gestalten und mit einem Nutzen für das Publikum zu verbinden. Es geht nicht nur um das Zusammentragen von Fachwissen, sondern einem tatsächlichen Mehrwert. Dabei stehen die Methoden des Meinungsjournalismus und wertenden Erzählens ebenso zur Verfügung, wie die des kritischen Journalismus. Der Ratgeber- oder Nutzwertjournalismus ermöglicht Journalisten die direkte Kommunikation mit dem Rezipienten.

Ratgeberjournalismus oder Nutzwertjournalismus?

Die Begriffe des Nutzwertjournalismus und Ratgeberjournalismus lassen sich synonym verwenden. Allerdings ist es präziser, den journalistischen Anspruch auf Beratung in Form von Kummerkasten oder Ratgeber als Unterkategorie des Nutzwertjournalismus zu verstehen. Das Wort Ratgeber verdeutlicht den wesentlichen Unterschied zum Nutzwert: Ein Rat bezieht sich auf ein klar umrissenes Problem. Der Nutzwertjournalismus greift hingegen ein Themengebiet auf und erarbeitet dazu umfassendes Wissen, das den Rezipienten ganzheitlich informiert.
Auch bei den Unterschieden zwischen Ratgeberjournalismus und Special Interest Journalismus sind die Grenzen fließend. Special Interest Zeitschriften oder Formate sind nicht auf eine Rat gebende Funktion beschränkt. Sie bieten aktuelle Informationen, unterhaltende Beiträge oder Überblicke. Eine Variante des Ratgeberjournalismus, die sich auf die Rolle des Rezipienten als Verbraucher und Konsument konzentriert, ist der Verbraucherjournalismus oder Servicejournalismus. Im Mittelpunkt stehen Konsumentenfragen. Der Verbraucherjournalismus bietet mit Tests, Vergleichen oder Berichten dem Publikum Information, Überblick und Rat zu Produkten und Dienstleistungen.

Ratgeberjournalismus in der Kritik

Der Ratgeberjournalismus spielt in den Massenmedien wie Fernsehen und Zeitungen und beim Publikum eine große Rolle. Er eröffnet Journalisten ein Arbeitsfeld mit unterschiedlichen Themen und den direkten Kontakt mit dem Medienrezipienten.
Eine Kritik, die er sich ausgesetzt sieht, sind oberflächliche und anmaßende Artikel oder Sendungen. Diese bezieht sich vor allem auf Beiträge, die das journalistische Handwerkszeug und die entsprechenden Methoden wie Distanz und Neutralität nicht berücksichtigen. Solche Artikel oder Sendungen stehen unter dem Verdacht keine Lösung für Konsumentenfragen zu geben, sondern Werbung zu machen. Beim Verbraucherjournalismus sind neutrale Berichte und umfangreiche Recherchen dementsprechend wichtig. Eine weitere Schwierigkeit stellt sich, wenn es um spezifische Probleme geht: Die Problemlösung ist in den wenigsten Fällen für das gesamte Publikum anwendbar. Ratgebersendungen zu Themen wie Erziehung oder Gesundheit arbeiten Einzelfälle individuell oder Fragen allgemeingültig auf. Damit bieten sie Ansätze für Lösungen, deren Nutzen die Medienrezipienten selbst bewerten. Je nach Format, Konzept oder Fernsehsender entwickeln sich solche Sendungen zu unterhaltenden Magazinen, die wenig mit dem ursprünglichen Ziel einer Beratung gemeinsam haben. Die Bedeutung und der Anspruch des Ratgeberjournalismus liegen darin, dass er Probleme thematisiert und diese bewusst macht. Durch Formate, die eine Problemdefinition in Bezug auf Liebesfragen oder Krankheiten geben, gelangen diese Fragen in das öffentliche Bewusstsein. Das ermöglicht Betroffenen oder Ratsuchenden, über Probleme zu reden.