Als Jugendlicher in Israel wurde Ahmad Mansour beinahe selbst zum Islamist. Heute ist es sein Ziel, vor allem junge Menschen von der Radikalisierung abzubringen. Eine mehr als spannende Begegnung. 

Studium generale im Roten Salon der Akademie: Ahmad Mansour mit Maxime Schlee und Thomas Porwol

Studium generale im Roten Salon der Akademie: Ahmad Mansour mit Maxime Schlee und Thomas Porwol

In Tira, Israel, knüpfte Mansour Kontakt zu einem fundamentalistischen Imam. Er besucht die Koranschule, findet Anerkennung und Respekt, rebelliert gegen seine Eltern und kommt der Muslimbruderschaft immer näher. Auf seine Kindheit angesprochen, sagt er: „Ich muss an Kriminalität, Drogen und Todesfälle denken. Auch Angst verbinde ich mit Tira.“ Mansour wird sowohl in seiner alten Heimat als auch in Deutschland bedroht.

 

Während seines Psychologiestudiums in Tel Aviv sieht er sich mit der liberalen, westlichen Welt konfrontiert – Mansour beginnt, auch mit Literatur von Machiavelli und anderen Philosophen, seine bisherige Einstellung in Frage zu stellen. Er löst sich von früheren Gedanken und damit einhergehend von seinen alten Freunden und der Gemeinschaft in Tira.

 

Das Erlebte macht Mansour glaubwürdig. „Ich habe mich bewusst entschieden, meine Geschichte zu erzählen.“ Heute lebt er in Berlin und gibt seine Erfahrungen an andere weiter, die wie er einst Gefahr laufen, dem Islamismus nahe zu kommen. „Ich habe die Radikalisierung als Prozess erlebt und nicht über Nacht. Irgendwann ging es gegen Ungläubige, gegen Frauen. Ab diesem Moment ist radikales Gedankengut entstanden.“ Stolz ist er auf seine Vergangenheit nicht, „aber sie ist trotzdem Teil meiner Geschichte“. Unter anderem durch seinen Hintergrund ist Ahmad Mansour mittlerweile zum Vorbild geworden und zeigt, dass ein Ausstieg durchaus möglich ist.

 

Die Religion steht für ihn inzwischen auf Augenhöhe mit dem Grundgesetz. „Der Islam braucht eine Reform und neue Impulse, und muss ohne Wenn und Aber hinter Demokratie und Menschenrechten stehen“, so seine Überzeugung. In seinem beruflichen Alltag betreut Mansour vor allem radikalisierte Jugendliche, bietet ihnen eine Diskussionsplattform und die Möglichkeit, ihre Emotionen preis zu geben. „Bei Muslimen ist die Religion im Alltag präsenter als bei christlichen Familien“. Der Integration in Deutschland muss das nicht im Weg stehen. „Sie müssen verstehen, dass das Leben in dieser Gesellschaft eine Chance und keine Bedrohung ist.“ Es gehe um Gleichberechtigung, die Bekämpfung von Antisemitismus und die Auseinandersetzung mit Sexualität und Rollenbildern.

 

Eine hitzige Diskussion entfacht beim Thema Kopftuchverbot. Mansour tritt dafür ein, Mädchen unter 11 Jahren das Tragen eines Kopftuchs in Grundschulen zu untersagen. Genau wie Kindern das Rauchen verboten ist, sollte auch das Tragen eines Kopftuchs nicht toleriert werden. „Wenn wir das erlauben und als Selbstentfaltung verstehen, dann haben wir ein Problem.“

 

Immer wieder sucht Mansour hierfür auch die Gespräche zu den Eltern der betroffenen Jugendlichen. „Meine Kollegen und ich müssen in der Lage sein, die Leute zum Nachdenken zu bewegen“, sagt er. Obwohl sie in Deutschland leben, ist das Land für viele Menschen mit Migrationshintergrund noch lange nicht mit Heimat gleichzusetzen: „Die Leute haben Angst ihre Identität zu verlieren und versuchen daher zum Teil, die Religion noch mehr in den Alltag zu integrieren.“ Mansour will verdeutlichen, dass man durchaus religiös sein und dennoch die deutschen Grundrechte akzeptieren und leben kann. „Integration ist keine Einbahnstraße“. Denn es liege auch an uns, einen Austausch zu schaffen, auf andere zuzugehen und uns gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen.       Lisa Gratzke