Ein Thema zu dem Henryk M. Broder sich nicht äußern würde, gibt es vermutlich nicht. Und wenn er sich äußert, dann zieht das fast immer eine Welle der Empörung, zumindest aber eine kontroverse Debatte nach sich.

 

Streitbarer Geist und brillanter Rhetoriker: Henryk M. Broder im Gespräch mit Nadine Jantz (l.) und Alina Quast

Streitbarer Geist und brillanter Rhetoriker: Henryk M. Broder im Gespräch mit Nadine Jantz (l.) und Alina Quast

 Broder schreibt unkonventionell und provoziert bewusst. Für seine Fans macht das seinen Charme aus, seine Kritiker sehen ihn als geistigen Brandstifter. Was andere über ihn denken, interessiert Henryk M. Broder allerdings kaum.Nicht nur in seinen Texten eckt Broder bewusst an. Auch in der Diskussion mit Team 23 der Akademie hat der in Polen geborene Jude sichtlich Spaß am geistigen Schlagabtausch, fordert seine Gesprächspartner gern heraus. Schnell wird deutlich, dass Broder sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die Debatte zergliedert er gern in semantische Details: In einem Essay hatte er vor wenigen Wochen geschrieben, es gäbe keinen säkularen Islam. Die Nachfrage, warum er denke es gäbe keine säkularen Muslime, schmetterte er mit Verweis auf die falsche Wortwahl ab.

Broder versteht sich als Fragesteller. Schreiben aus Fragen heraus. Nicht als Antwort und schon gar nicht auf Zielgruppen ausgerichtet, wie er betont. „Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet. Ich frage nach und wenn ich keine Antwort bekomme, frage ich einfach weiter.“ Dazu brauche es gar nicht immer eine Antwort. Und – das räumt Broder ein – für ihn sei Schreiben bisweilen auch eine therapeutische Übung gegen Depressivität – oder gegen Wut, die er dann an schlechten Tagen über das Schreiben in konzentrierte Bahnen lenkt. Ob er darüber nachdenke, was seine Worte auslösen können? Nein. „Ich bin ja nicht der Einzige, der schreibt. Die Meinung der Leser ergibt sich aus verschiedenen Texten, wie bei einem Leipziger Allerlei.“ Ob er sich der Verantwortung bewusst sei, die mit seinen Publikationen verbunden ist, hakt Moderatorin Nadine Jantz nach und bekommt zu hören: „Ich finde es anmaßend, wenn mir jemand sagt, wo meine Verantwortung liegt.“

An dem Standpunkt hält er fest, selbst wenn ihn dafür die AfD feiert wie etwa für einen Text, in dem er eine Rede Alexander Gaulands lobte und dafür viel Zuspruch aus rechten Kreisen erhielt. Schlimm findet Broder das nicht. Überhaupt verstehe er die Angst der Deutschen nicht, Applaus von der „Gegenseite“ zu bekommen. „Der Leser sucht sich eben selbst aus, wessen Texte er liest. Ich habe keine Zielgruppe. Mich kränkt es nur, wenn meine Texte nicht zu Ende gelesen werden.“

Henryk M. Broder geht sogar noch weiter: „Ich provoziere nicht. Ich frage. Provokation liegt im Auge des Betrachters“, sagt der 71-Jährige, der als Kolumnist für die WELT schreibt, mit zweitem Vornamen Marcin heißt, sich selbst aber auch schon mal „Modest“ nennt, auch oder gerade weil er in seinem publizistischen Anspruch als Fragender so gar nicht modest, bescheiden auftritt, sondern die Volontäre 90 Minuten lang herausforderte und das Hintergrundgespräch flugs vergehen ließ.

Zum Abschluss gibt er den Volontären von Team 23 noch einen Rat mit auf den Weg – einen echten  Broder sozusagen: „Seien Sie immer skeptisch, wenn Ihnen jemand einen Rat gibt.“ Und so endet der Abend mit sehr gemischten Gefühlen und unzähligen neuen Denkanstößen.                                                                  Kevin Dusch

Was auf den ersten Blick nach gemütlicher Tee-Tasse und netter Plauderei aussieht, war ein äußerst spannendes Studium generale im Roten Salon der Akademie

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