Fast jeder Redakteur hat heute einen kleinen Multimedia-Alleskönner in der Tasche. Mit Smartphones können Reporter ganze Videobeiträge drehen, in Full-HD-Qualität und mit gutem, klaren Ton.

Die Volontäre von Team 14 der Axel Springer Akademie haben die Möglichkeiten des „Mobile Reporting“ beim Projekt UnterANDEREN voll ausgeschöpft und eine ganze Website gestaltet, bei der Fotos und Videos ausschließlich mit Smartphones und etwas Zubehör aufgenommen wurden.

Ein Erfahrungsbericht von Multimedia-Trainerin Sandra Sperber über die Erfahrungen bei der Arbeit mit den Autoren sowie Möglichkeiten und Grenzen des Mobile Journalism.

 

Arbeitsgerät war bei diesem Projekt ein iPhone 5s und die App Filmic Pro. Außerdem: ein „GorillaPod Magnetic“ Mini-Stativ mit biegsamen Beinen von Joby, ein Weitwinkel- und Fisheye-Aufsatz, ein Verdoppler-Aufsatz als Teleobjektiv (beides von Olloclip), der Mikrofonverstärker iRig PRE, ein externer Akku zum Nachladen des Handys unterwegs und ein Ansteck- oder Stabmikrofon für sauberen Ton.

Automatik ausschalten

Die Filmic-App ermöglicht es, manuell den Fokus, die Belichtung und den Weißabgleich einzustellen. Vor jeder Aufnahme haben die Volontäre per Touchscreen bestimmt, wo die Schärfe liegen soll und an welcher Stelle, das Handy die Belichtung messen soll. Per Fingertip auf die drei Symbole in der linken unteren Ecke werden Blende, Fokus und Weißabgleich fixiert. Das verhindert ein „Pumpen“ der Blende oder, dass der Fokus vom Gesicht des Interviewpartners beispielsweise zu einem Möbelstück im Hintergrund wandert.

Screenshot Filmic_Pro_iPhone_App

 

Stabilisieren

Der kleine Gorilla-Pod Magnetic dient sowohl als klassisches Stativ (für gesetzte Interviews), als auch als Griff für Aufnahmen aus der Hand. Das ist wesentlich stabiler und weniger anstrengend, als das iPhone links und rechts zu halten. Außerdem kann man so mit der zweiten Hand bei Bedarf neu fokussieren. Zusätzlich sollte die Stabilisator-Funktion der Filmic-App immer eingeschaltet sein.

Das Mini-Stativ lässt sich ganz normal auf seine drei Beine stellen. Damit die Kamera ungefähr auf Augenhöhe steht, haben die Volontäre mal Bücher auf einem Tisch gestapelt und darauf den Gorilla-Pod platziert oder mit den flexiblen Beinen um eine Stuhllehne geklemmt. Besonders beim Interview-Einrichten ist also Kreativität gefragt. Bei Aufnahmen im Freien bieten sich als Hilfsmittel zum Beispiel Straßenlaternen an. Selbst wer aus der Hand dreht, kann die Kamera stabilisieren, indem er die magnetischen Stativbeine an die Laterne lehnt.

Es erfordert ein wenig Fingerspitzengefühl und Geduld, die Kamera gerade auszurichten, da das Stativ weder Kugelkopf noch Wasserwage hat. Es wird allein durch die Biegung der Beine ausgerichtet.

Mobile_Reporting_iPhone_GorillaPod

 

„Saubere“ O-Töne

Der Mikrofon-Verstärker iRig PRE ermöglicht es (dank Phantomspeisung) ein gewöhnliches Stabmikrofon oder eine Funkstrecke anzuschließen. So lässt sich die Aufnahme-Lautstärke mit einem kleinen Rad regeln. Die Filmic-App zeigt zur Kontrolle einen Audiopegel an. Außerdem sollte der Ton mit Kopfhörern abgehört werden. Die Audioqualität ist bei diesem Workflow wesentlich besser als mit dem kleinen eingebauten Mikrofon des iPhones.

Die iRig-Box hat auch einen Kopfhörereingang. Doch nicht immer hat es funktioniert, den Ton während des Drehens mit Kopfhörern zu kontrollieren. Bei manchen Teams war das Signal nur abgehackt oder leicht zeitverzögert zu hören. Was dagegen immer funktioniert: vor dem eigentlichen Interview einen kleinen Tontest aufnehmen und anschließend abhören.

 

Objektiv-Aufsätze wechseln

Generell gilt: Finger weg vom iPhone-Zoom. Wer per sich per Touchscreen an sein Motiv heran zoomt, verliert an Bildqualität. Deshalb sind die Volontäre für Detailaufnahmen entweder teils extrem nah an ihr Motiv herangegangen oder sie haben den Tele-Aufsatz von Olloclip benutzt.

iPhone Olloclip Objektiv-Aufsatz

Gerade in kleinen Räumen kann sich auch der Einsatz des Weitwinkel-Objektivs von Olloclip lohnen. Den Fisheye-Aufsatz dagegen haben nur wenige Teams genutzt, um bewusst besondere Effekte zu erzielen. Z.B. für den Dreh im Proberaum der Straight-Edge-Band im Stil eines Musikvideos.

Probleme und Herausforderungen

Ein iPhone ist natürlich keine professionelle Reportagekamera. Es eignet sich gut für im Voraus geplante Bilder mit wenig Kamerabewegungen, auf Schwenks haben die Volontäre weitgehend verzichtet.

Schon bei der Bildkomposition muss derVJ die Besonderheiten des Handy-Drehens beachten. Da man die Schärfe nicht während der laufenden Aufnahme verlagern kann, sind beispielsweise Bilder, bei denen der Protagonist frontal auf die Kamera zu läuft, kaum zu realisieren. Wenn sich allerdings Protagonisten viel bewegen, ist es schwer, gleichzeitig die Schärfe festzulegen. Beispielsweise beim Dreh mit den Polyamoristen: Die beiden Partnerinnen des Protagonisten treffen zum ersten mal aufeinander – da ist es praktisch unmöglich, die Begegnung zwischendurch zu stoppen, um neu zu fokussieren.

Außerdem stellt das iPhone manchmal partout nicht dort scharf, wo der Kameramann hin tippt – vor allem wenn es relativ dunkel ist. Manchmal hilft es, das kleine Quadrat, das festlegt, wo die Kamera scharf stellt, noch mal in eine ganz andere Ecke zu ziehen und von Neuem auf das Gesicht des Protagonisten zu legen.

Auf dem kleinen Touchdisplay konnten die Volontäre den Fokus nur bedingt kontrollieren. Manchmal erlebten sie anschließend im Schnitt böse Überraschungen, wenn Aufnahmen doch nicht ganz scharf waren.

Die Wechsel-Objektive sorgen visuell für Abwechslung. Oft ist es auch eleganter, eine Nahaufnahme mit dem Teleobjektiv zu drehen als mit dem Handy auf wenige Zentimeter Entfernung heranzugehen (beispielsweise bei Nahaufnahmen der Augen). Doch leider mindern die Aufsätze auch die Bildqualität, weil die Bilder mit dem Olloclip am Rand unscharf waren. Und gerade mit dem Tele-Aufsatz ist es oft schwer, präzise zu fokussieren.

Mobile_Reporting_Interview_mit_iPhone

Schwächen der Kamera-App

„Moment, Filmic ist hängengeblieben“, dieser Satz fiel sicherlich auf jedem Dreh zwei bis drei mal. Gerade, wenn Volontäre das Licht des iPhones per App angeschaltet haben, ist oft der Bildschirm eingefroren. Die letzte Aufnahme geht dabei zum Glück nicht verloren. Ein Neustart des Programms löst das Problem.

Leider mussten die Teams immer wieder die Qualitätseinstellungen (50 mbit/sec) überprüfen. Beim Neustart oder durch längere Drehpausen hat Filmic immer wieder auf eine niedrigere Qualität zurück gestellt.

Abenteuerlicher Aufbau

Ein Smartphone, an dem ein kleiner Verstärker baumelt und oft noch der Empfänger der Funkstrecke – mit dieser etwas wackeligen Kombination ist es nicht immer ganz leicht zu drehen. Das Kabel des iRig-Geräts ist relativ kurz, sodass die Volontäre die kleine Box nirgends ablegen oder in die Hosentasche stecken konnten. Manchen Teams hat es geholfen, den Verstärker mit einem Gummiband am Stativ zu befestigen.

Mit Mobile Reporting zur Multimedia-Geschichte

Mit ein wenig Übung, gutem Zubehör und den richtigen Apps haben die Volontäre Filme gedreht, die keineswegs wie typische Handyvideos aussehen. Wichtig war dabei Dreh-Disziplin: Nur wer Blende, Weißabgleich und Fokus bei jedem Bild manuell festlegt, bekommt sendefähige Bilder. Leider wurde das von manchen in der Hektik des Drehens zwischendurch vergessen. Die Bilder „pumpen“, weil die iPhone-Automatik hin und her springt.

Mobile Reporting muss also keineswegs nur heißen, schnell mal nebenbei ein Handyvideo drehen. Autoren können mit wenigen, sorgfältig aufgenommenen und durchdachten Sequenzen plus Videointerview einen gewöhnlichen Artikel in eine Multimedia-Geschichte verwandeln. Wer dafür ein wenig Mehraufwand und sehr überschaubares Zusatz-Equipment in Kauf nimmt, hat mit dem Smartphone ein geniales Arbeitsgerät.

Die Autorin:

Sandra Sperber (27) ist Video-Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE in den USA. Sie lebt in Washington und arbeitet projektweise als Multimedia-Coach für die Axel Springer Akademie. Sie bloggt auch unter webvideoblog.de.

Sandra Sperber (27) ist Video-Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE in den USA. Sie lebt in Washington und arbeitet projektweise als Multimedia-Coach für die Axel Springer Akademie in Berlin. Sie bloggt gemeinsam mit Martin Heller auch unter webvideoblog.de.