Hauptstadt-Journalismus neu gedacht: Team 19 der Axel Springer Akademie hat mit ScopeBerlin Maßstäbe in Sachen Live-Berichterstattung gesetzt. Ohne exakte Vorbereitung läuft das natürlich nicht.

24/7 live aus Berlin: Die Ansprüche, die die jungen Journalisten von Team 19 an sich stellten, waren hoch. Eine Woche lang sollte jede Stunde eine neue Geschichte auf Facebook, Periscope und der eigenen Seite www.scopeberlin.live online gehen. Dieses Ziel hatte das Reporter-Team vorher auf den Social Media Plattformen Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram verkündet, es durfte also nichts schiefgehen.

„Das Ziel war nicht, Live-Journalismus zu machen, nur weil es jetzt so leicht möglich ist“, sagt Kristin Schulze, die Crossmedia-Studienleiterin der Akademie. „Zusammen haben wir nach einem neuen Weg gesucht, Lokal-Berichterstattung sinnvoll in einen kontinuierlichen Live-Modus zu versetzen. Die Idee war außerdem, ein Konzept zu entwickeln, das sich auch auf andere Städte übertragen lässt, auf Metropolen, die rund um die Uhr etwas zu bieten haben.“

Ein Motiv aus der Social-Media-Kampagne #NurInBerlin

Zu Beginn der rund fünfwöchigen Vorbereitungsphase definierte das Team seine Zielgruppe. Das Konzept der Personas wurde ausführlich besprochen und genutzt. Grob lässt sich die Zielgruppe für ScopeBerlin so beschreiben: Berliner und Berlin-Touristen zwischen 18 und 35 Jahren.

Eine Auswahl der ScopeBerlin-Personas

Eine Auswahl der ScopeBerlin-Personas

In die Konzeptionsphase des Projekts fiel Facebooks Ankündigung, jedem User den Live-Modus zu ermöglichen. Damit war die Anforderung an die jungen Journalisten klar: Ihre Berichterstattung musste sich inhaltlich und qualitativ von der neuen Menge an Live-Streams abheben. Dafür war zunächst ein allgemeingültiger, einfach umsetzbarer Workflow nötig. Neben – logische und wichtigste Voraussetzung – einer guten Internetverbindung und ausreichend Licht am Drehort war es für die Reporter wichtig, sich ihren Stream im Vorfeld genau zu überlegen. „Jedes Bild, jede Bewegung, jeder Themenkomplex sollte im Vorfeld geklärt sein“, so Kristin Schulze. „Live bietet nun mal keine Möglichkeit, etwas zu schneiden oder neu zu texten. Umso wichtiger unser Anspruch: Der User muss sich informiert und unterhalten fühlen, sonst kommt er nicht wieder.“

Die Berliner Rapperinnen Josh & Nash produzierten einen Song für ScopeBerlin

Die Berliner Rapperinnen Josh & Nash produzierten exklusiv einen Song für ScopeBerlin

Dann legte das Team Richtlinien für die Live-Berichte fest: Immer zwei Reporter sind zusammen unterwegs, der eine vor, der andere hinter der Smartphone-Kamera. Der Reporter im On ist so flexibler. Die gesamte Streaming-Zeit über ist das Team telefonisch per zweitem Smartphone mit der Redaktion verbunden. Die Kollegen im Newsroom konnten so jederzeit Alarm schlagen, sollte das Bild nicht den Ansprüchen genügen oder der Stream abbrechen. Die Anmoderation eines Livestreams beginnt außerdem erst, wenn die Push-Nachricht ankommt, dass ScopeBerlin jetzt live ist. Andernfalls besteht das Risiko, User zu verlieren, bevor ein Stream überhaupt richtig angefangen hat.

Die CvDs im Scope-Newsroom hatte jedoch noch andere Aufgaben: Sie mussten die Länge der Streams im Auge behalten und dem On-Air-Team für die Abmoderation durchgeben, auf welche nächsten Live-Berichte sie hinweisen können. Wichtig in der Live-Phase war außerdem ein ständiges Monitoring der Kommentare. Einige Themen, wie der Burkini-Test einer Scope-Reporterin im Freibad, riefen leider erwartungsgemäß Hatespeech-Kommentatoren auf den Plan. Das Social Media-Team von ScopeBerlin konnte dann sofort reagieren.

Thematisch bieten sich bei einem Projekt wie ScopeBerlin natürlich visuell starke Storys an. Das Team hat sich aber explizit auch für politisch relevante Themen entschieden, um das Spektrum abzurunden und Berlin in seiner Vielfalt abzubilden. Der Erfolg gibt ihnen recht: So verzeichnete das Streitgespräch zwischen Jörg Stroedter (SPD) und Sebastian Czaja (FDP) über den Flughafen Tegel sehr viele Abrufe. Ein Grund war, dass Unterstützer beider Seiten das Video auf Facebook geteilt haben, was wiederum zu weiteren Shares und somit zu einer enormen Reichweite des Videos führte.

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Obwohl wegen des hohen Live-Video-Anteils Facebook und Periscope die wichtigsten Plattformen für ScopeBerlin waren, entschied sich das Team, eine eigene mobil-optimierte Website zu entwickeln. ScopeBerlin.live sollte jedoch nicht den Social Plattforms Konkurrenz machen, sondern vielmehr als „Schaufenster“ dienen, in dem sich der User alle Videos noch einmal in Ruhe anschauen kann, ohne sich durch die immer länger werdende Facebook-Timeline des Projekts scrollen zu müssen.

Schnell legten die Nachwuchsjournalisten sich für die Seite auf unkonventionelle Ressorts fest. Ob die Einteilung der Themen in „Action“, „Behind“, „Check“, „Hot&High“ und „Special Pick“ funktioniert, wird die Analyse der Abrufe in den kommenden Wochen und Monaten zeigen.

Die Home von ScopeBerlin

Die Home von www.ScopeBerlin.live

Fazit: ScopeBerlin hat gezeigt, dass Lokaljournalismus durch den permanenten Live-Charakter eine neue Kraft entwickelt. Der User kann sich bei den Themen „seiner“ Stadt einschalten, er kann mitdiskutieren und fühlt sich eingebunden. Fakt ist aber auch, dass ein Projekt mit so massivem Live-Anteil einen erheblichen personellen Aufwand bedeutet, den sich eine Redaktion erst einmal leisten können muss.

Mehr über die Reichweite und weitere Learnings hier: https://www.axel-springer-akademie.de/247-live-aus-berlin/