Der Mann ist eine Institution: 71 Jahre alt, Neurologe, im zehnten Jahr Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin Berlin, einer der größten Uni-Kliniken Europas – und dabei bodenständig, nahbar und humorvoll; kurz: ein idealer Gesprächspartner beim Studium generale, aber durchaus einer, der zu überraschen versteht.

Eine Koryphäe und zudem humorbegabt: Max Einhäupl

Eine Koryphäe und zudem humorbegabt: Max Einhäupl

Eigentlich sollte der Münchner Prof. Dr. Karl Max Einhäupl Architekt werden und das Unternehmen seines Vaters übernehmen. Doch als Jugendlicher wollte er lieber Arzt werden: „Man glaubt, man könne helfen“. Heute ist er Vorstandsvorsitzender der Charité und sieht das Thema nüchterner. Auch Sozialprestige habe bei seinem Berufswunsch eine Rolle gespielt, schließlich war man als Arzt gesellschaftlich akzeptiert. Dass er nicht immer und jedem helfen kann, hat Einhäupl mit der Erfahrung gelernt. Oft spielen eben die Rahmenbedingungen eine Rolle. „Die Freiheiten beim Helfen sind kleiner als man sich in seiner Phantasie vorstellt“, sagt er.

 

Ein guter Arzt müsse wie eine „eierlegende Wollmilchsau“ sein, so Einhäupl. Drei Eigenschaften sind dabei für ihn besonders wichtig: explizites Fachwissen, Zuverlässigkeit und Empathie. „Aber das werden sie niemals in einer Person finden“. Ob der NC das beste Mittel ist, um die Qualifikation bei angehenden Ärzten zu identifizieren, bezweifelt er. Aber auch andere Möglichkeiten hätten ihre Mängel und der NC sei zumindest ein guter Indikator für den Studienerfolg. Die Zulassungsvoraussetzungen zu senken, um damit den Ärztemangel auf dem Land zu bekämpfen, hält Einhäupl zwar für keine gute Idee, räumt aber ein: „Es wird sich nicht anders lösen lassen“.

 

Nur wenige Ärzte ziehen nach dem Studium aufs Land – die Arbeit dort bietet kaum Karrierechancen. Auch sind immer weniger Ärzte im kurativen, also heilenden Bereich tätig. Als Manager oder im Ausland hat man bessere Aussichten. Ein Lösungsansatz laut Einhäupl: „Wenn Sie jemanden in einer schwierigen Region anstellen wollen, müssen Sie ihm mehr Geld geben.“ Und: Es gibt in Deutschland keinen Ärztemangel. Vielmehr handele es sich um ein Verteilungsproblem von Ärzten.

Teamwork - manchmal ist es besser, sich mit den bohrenden Fragen im Roten Salon abzustimmen

Teamwork – manchmal ist es besser, sich mit den bohrenden Fragen im Roten Salon abzustimmen

Anders sehe es in den Pflegeberufen aus. Bei einer wachsenden Anzahl von pflegebedürftigen Menschen sei es wichtig, den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Einhäupl plädiert dafür, die Karrierechancen für Pflegende zu verbessern. „Die Leute wollen nicht mehr in die Pflege gehen. Es ist ein Aussteigerberuf“. Schon nach wenigen Jahren seien Pflegekräfte „ausgebrannt“; ein Drittel der Pflegenden wechselt den Beruf vor Eintritt in das Rentenalter. Eine Fachkraftquote lehnt Einhäupl aber strikt ab. In den meisten Bundesländern muss in der Pflege die Zahl der Fachkräfte bei mindestens 50 Prozent liegen. Kritiker fordern, diese Vorgaben flexibel zu gestalten oder gar ganz abzuschaffen. Grundsätzlich bewertet Einhäupl die Situation positiv: „Deutschland hat aus meiner Sicht das beste Gesundheitssystem der Welt“.

 

Auf die finanzielle Situation der Charité angesprochen, weist Einhäupl auf die Bilanzpressekonferenz hin: „Da werden wir uns sicher nicht blamieren“, sagt er lächelnd. Viele Unwirtschaftlichkeiten habe er beseitigen können. Dass die medizinische Versorgung dabei unter den Sparmaßnahmen leidet, ließe sich nicht vermeiden. Zwar gebe es dadurch mehr Risiken, diese würden aber nicht linear ansteigen: „Doppelt so viel Geld heißt nicht halb so große Risiken“. Auch habe die Charité Geld sparen können, indem manche Bereiche ausgelagert worden sind. Ein Beispiel: das Facilitymanagement. Dieses wird nun von der Charité CFM Facility Management GmbH verwaltet.  Dadurch habe die Charité in den letzten zwölf Jahren 450 Millionen Euro eingespart.

 

Die Berichterstattung über Medizin sieht Einhäupl kritisch. Was „die Presse“ zum Thema Hirntod gebracht habe, habe die Zahl der Organspenden zurückgehen lassen; ebenso Berichte über Transplantationsskandale. Einhäupl scharf: „Ich finde es unverantwortlich, so mit dem Thema umzugehen“. Skandalisierung sei verlockend und leicht, meint er und ist dabei sichtlich verärgert. Ein Appell an uns Journalisten: „Lassen Sie sich dazu nicht verführen!“   Maxime Schlee

Ein Mann, der Klartext redet: Einhäupl mit den Moderatoren des Abends Lukas Krombholz und Lisa Gratzke

Ein Mann, der Klartext redet: Einhäupl mit den Moderatoren des Abends Lukas Krombholz und Lisa Gratzke