Die ehemalige Journalistenschülerin Sonja Vukovic schreibt über ihren langen Weg aus der Magersucht

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Sie war Journalistenschülerin der Akademie in Team 5. Vor drei Jahren erschien ihr Bestseller „Christianae F. – Mein zweites Leben“. Jetzt hat Sonja Vukovic ein weiteres Buch geschrieben.

 

Ihre Autobiographie. Mit 31 Jahren. Ein erschütterndes Zeugnis über Missbrauch, Schuld, Scham und Sucht. 13 Jahre lang litt die Journalistin an Bulimie und Anorexie, wurde zeitweise zwangsernährt. Ein Schicksal, das sie mit erschreckend vielen jungen Menschen teilt. Das Ergebnis: „Gegessen“, knapp 300 Seiten. Sonja Vukovic – sie ist inzwschen glücklich verheiratet und Mutter einer Tochter – schreibt für die Playwall der Akademie dazu: „Ich habe es in den zwei Jahren meiner Ausbildung an der Axel Springer Akademie leider nie so richtig geschafft, im Team anzukommen. Was sehr schade ist, im Nachhinein. Es war eine nette Truppe, die bis heute über viele Springer-Medien hinweg verstreut arbeitet und immer noch zusammenhält. Es lag an mir. Ich war zu eigenbrödlerisch. Zu sehr immer noch selbstbezogenes Opfer meiner Vergangenheit. Meist zog ich mich zurück in ein Innen, in dem Selbstzweifel und Versagensängste tobten. Angestrengt überspielt von Disziplin. Vermeintlicher Stärke. Und einem falschen Lächeln. Mit 24, 25 Jahren wird man noch. Sucht noch. Sucht. Das war mein Problem.

Den Team-Kollegen war es nicht entgangen, dass ich in den zwei mehr, vor allem aber eigentlich weniger gemeinsamen Jahren unseres Volontariats immer wieder, teilweise rapide, Gewicht verloren hatte. Dass ich oft von mir selbst überfordert vor meinem Bildschirm saß. Dass das, was ich während der Spätschichten, die damals bei der Welt Kompakt noch bis 0 Uhr und länger dauerten, zu Abend aß, nicht mehr als ein Becher 0,1-Prozent-Fett-Joghurt und zwei Knäckebrot war. Jeden Tag.
Aber ich lies ja niemanden an mich ran. Nicht hinter meine Fassade blicken.
Es sollte noch weitere sechs Jahre dauern, bis ich diese aufbrechen und das darunter liegende hochkommen lassen konnte. Sucht. Trauma. Missbrauch. Schuld und Scham. Leid und Hoffnung. Verarbeiten. Und dieser traurigen, harten Hülle endlich entfliehen in ein wirklich glückliches, gesundes Ich.
Was bis dahin war, qualifizierte und disqualifizierte mich als Journalistin gleichermaßen. Ob einer Gefühlsphobie – einer Art Überlebenstrategie seit meiner Kindheit – war ich keine besonders gute Autorin. Wer kann schon einfühlsam und bewegend schreiben, der sich nicht einmal im Spiegel ansehen, sich selbst nicht nahe sein kann?
Aber ich war fleißig. Rasend geradezu in meiner Angst, zu versagen. Eine Macke, getarnt als Eifer. Stetig bestrebt, eine Bessere zu sein, mir selbst nie gut genug, erfand ich mich immer wieder neu – so, wie es in diesen Zeiten auch der Journalismus muss.
Außerdem brachte ich ein Faible für besonders rührende und entartete Themen mit, die wie ein Unfall sind: So außergewöhnlich oder schrecklich, dass man hinsehen, lesen muss. So nah und alltäglich, dass man es selbst sein könnte.
Das hielt mich auch nach meinem Volontariat eine Weile über Wasser. Und es ermöglichte mir am Ende, aus meinem eigenen Schatten zu treten:
(Auszug aus Gegessen) „Zum Abschluss unserer Ausbildung hatten wir Volontäre der Axel Springer Akademie eine letzte Aufgabe bekommen, bevor es zehn Tage nach New York auf Abschlussreise ging, die auch Unterricht in »Investigative Journalism« an der renommierten Columbia University und am Ende die Vergabe der Abschlusszertifikate beinhaltete. Wir sollten »irgendeine Investigativ-Geschichte« finden, die wir dort, gemeinsam mit namhaften Dozenten wie dem renommierten »New York Times«-Reporter Andrew Lehren oder dem Investigativ-Journalist Jim Mintz, bearbeiten und später in einem der Springer-Medien veröffentlichen konnten.
Rachel und ich, wir hatten, wie so oft, bei einer Flasche Rotwein gebrainstormed. (…) Etwa zwei Stunden zermarterten wir uns das Gehirn (…) Und wir lachten mal wieder über uns selbst, weil wir in dieser kurzen Zeit nicht nur gemeinsam eine Schachtel Zigaretten aufgeraucht, sondern schon wieder eine Flasche Wein wie Wasser ausgetrunken hatten. (…) Als wäre es eine logische Konsequenz aus unserem versöhnlichen Amüsement über unsere selbstzerstörerischen Charaktere, die sich nicht nur mit Nikotin sowie minder- und hochprozentigem Alkohol, sondern regelmäßig auch mit Kokain oder Cannabis von sich selbst in Urlaub schickten, die wir gern eigene und auch anderer Leute Grenzen austesteten und nach durchzechten Nächten mit fremden Menschen in Betten landeten, um unsere Körper herzugeben, wie etwas, das wir besaßen und nicht etwa waren, kamen wir auf die Frage:
Was macht eigentlich Christiane F.?
Welche reellen Chancen auf ein normales Leben hat wohl ein Mensch, dem der Rausch des weltweiten Ruhms als Promi-Junkie zuteil wurde? Und dem seine Sucht nicht nur Zuneigung und Aufmerksamkeit, sondern konkret: den Lebensunterhalt verschafft.
Das fragte ich mich. Und fand so nicht nur meine Geschichte, sondern eine Aufgabe, die alles für mich verändern würde.
Auch wenn Christiane es mir nie gesagt hat, ich denke: Sie hat gespürt, dass wir so verschieden waren – und so gleich.
Ich kannte die Mechanismen der Sucht und all des Elends, das daran hängt. Ich wusste, wie es sich anfühlt, etwas nicht sein lassen zu können, von dem man ganz genau wusste, dass es einen ruiniert. Ich habe es selbst erlebt, wie sehr man nicht Teil dieser normalen Welt sein kann und mit den simpelsten Dingen überfordert, wenn man im Teufelskreis der Sucht steckt. Wie willenlos man ausgeliefert ist, wenn man all den Schmerz, all die Selbstzweifel und all den Hass auf sich und die ganze Welt immer wieder »ein letztes Mal« betäubt. Wie sehr man sich selbst nicht helfen kann und dringend Verständnis und Hilfe braucht.
(…) »Ich könnte eine ganze Zeitung mit deinen Geschichten füllen«, sagte ich ihr noch im Winter 2011. »Und ich habe gedacht, vielleicht wollen wir anstelle eines Artikels gleich ein Buch schreiben? Es wäre das viel bessere Format, um dir und deiner Lebensrealität gerecht zu werden, finde ich inzwischen.«
»Daran hatte ich auch schon gedacht«, sagte Christiane. Und ich freute mich sehr über das Vertrauen und die große Chance, die sie mir gab.“

2013 erschien „Christiane F. – Mein zweites Leben“ in 18 Ländern der Welt. Der größte Erfolg ergab sich für mich aber vor allem aus der Tatsache, dass ich im Rahmen der Recherche- und Schreibarbeit Fragen rund um den Mythos Christiane F. nachging – und dabei Antworten zu mir selbst fand.
Bis dahin hatte ich schon zehn Jahre Therapie, einen Aufenthalt in der Psychiatrie und anderthalb Jahre Leben in einer WG für essgestörte Mädchen hinter mir. Das alles hat mich weiter gebracht und stärker gemacht, ja. Aber erst durch die interdisziplinäre, also die politische, sozialwissenschaftliche, psychiatrische, anthroposophische und philosophische, von meiner Person losgelöste Auseinandersetzung mit den Themen Rausch und Sucht lernte ich Dinge, die mir halfen, mir selbst zu verzeihen – und daran zu heilen. Zum Beispiel erfuhr ich, wie normal ich war, weil Sucht und Co-Abhängigkeit Krankheiten sind, an denen Experten zufolge 90 Prozent der Gesellschaft in mehr oder minder schwerer Form leidet! Neun von Zehn Menschen sind von etwas oder jemandem abhängig. Und so gut wie jeder kennt jemanden, den das betrifft.
Nach und nach setzte ich mich zusammen zu einem stabilieren Ich.
Was war, ist heute also: gegessen. Und sie heißt sie, meine Autobiografie, die jetzt bei Bastei Lübbe erschienen ist.

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Danke, Axel Springer Akademie.
Entschuldigung, Team 5.
Und hey, liebe Alle, die das und Ähnliches betrifft: Gesundwerden geht!
Sonja“